Über den Autor/die Autorin

Christine  Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

Wie viel Macht haben Medien heute?

von Christine Kammerer



© Wellnhofer Designs - Fotolia.com
YouTuber machen heute vor den Wahlen mit ihren Videos Stimmung. Populisten locken ihre Wähler mit Hilfe von Facebook, Twitter etc. Die Wirkung der herkömmlichen Medien lässt nach und die Akteure auf sozialen Netzwerken gewinnen immer mehr Macht. Das liegt vor allem daran, weil sie von zahlreichen Menschen exzessiv genutzt werden – auch von Politikern und natürlich auch von den traditionellen Medien. Insbesondere Facebook hat auf diese Weise eine äußerst fragwürdige Machtposition erlangt. Das US-amerikanische Unternehmen baut diesen Einfluss systematisch immer weiter aus, indem es auch die kleinste Aktivität eines jeden Nutzers registriert, dokumentiert und seine Algorithmen damit füttert. Wir bezahlen für diese Dienste wissentlich mit unseren intimen Daten und rütteln gleichzeitig an den Grundfesten unseres demokratischen Werte-Systems. Dem sollten wir in Zukunft durch intensive Bemühungen auf dem Gebiet der Medien-Pädagogik verstärkt begegnen.

Medien und Meinungsbildung

Medien erfüllen gerade im Rahmen eines demokratischen Systems sehr grundlegende und zentrale Funktionen: Sie tragen durch ihre Themensetzung und zum Beispiel auch durch Kritik bestehenden Verhältnissen und politischen Entscheidungen zur Meinungsbildung bei. Sie lösen dadurch Debatten und Diskussionen aus und ermöglichen so den Bürgern eine Partizipation am politischen Geschehen. Ein solcher vielfältiger Meinungsmarkt ist in einer Demokratie durchaus erwünscht. Politische Entscheidungen sollten sich jedoch weniger an den Themen orientieren, die durch Medien gepusht werden, sondern nach sachlichen Kriterien getroffen werden. Hier entsteht inzwischen häufig der Eindruck, dass sich Politiker zunehmend stark von politischen Rand-Aspekten treiben lassen, die in den Medien große Aufmerksamkeit finden. Dieses Phänomen verstärkt sich weiter durch den schwindenden Einfluss der traditionellen Medien und die gleichzeitig zunehmende Wirkung der sozialen Netzwerke.

Facebook & Twitter machen Meinung

Bei den Sozialen Medien entscheiden keine Menschen mehr darüber, welche Nachrichten angezeigt werden, sondern Algorithmen. Sie berücksichtigen bei der Auswahl nicht den Wahrheitsgehalt und das Gebot der Meinungsvielfalt spielt dabei überhaupt keine Rolle. Die Suchergebnisse der einzelnen Nutzer werden personalisiert und gesammelt. Je mehr Informationen die Anbieter ansammeln, desto gezielter können sie ihn mit Informationen versorgen, die für ihn interessant sein könnten. So entsteht eine Filterblase: Nutzer sehen nur noch das, was ihre Meinung bestärkt. Abweichende Standpunkte werden ausgeblendet.

Facebook ist inzwischen die größte Quelle für Nachrichten weltweit, prüft jedoch die Quellen dieser Informationen nicht. Auch die auf Twitter abgesetzten Tweets üben messbaren Einfluss aus. Sie haben die Macht, Meinungen zu beeinflussen. Erschwerend kommt hinzu, dass Populisten wie Trump ihre Wähler systematisch manipulieren, indem sie massenhaft ihre eigene Version der Wahrheit verbreiten und die seriöse Medien als „Lügenpresse“ und deren Nachrichten als „Fake News“ diffamieren.

Provokation bringt Klicks

Influencer, YouTuber und andere Nutzer sozialer Medien wie Facebook oder Instagram wissen inzwischen: Je stärker ich in meinen Beiträgen provoziere, desto mehr Aufmerksamkeit bekomme ich. Diese Aufmerksamkeit zahlt sich zum Beispiel bei professionellen Bloggern in barer Münze aus: Klicks generieren Einnahmen. Andere wie zum Beispiel politische Parteien profitieren auf ihre Weise, nämlich beim Stimmenfang. Also polarisieren sie ganz bewusst und überbieten sich gegenseitig mit grenzüberschreitenden Äußerungen.

Der klassische Pressekodex, also die ethischen Grundregeln, auf die Journalisten sich zum Beispiel im Hinblick auf politisch korrekte Formulierungen geeinigt haben, wird bei solchen Publikationen konsequent ignoriert. Damit tragen Medien- und Meinungsmacher zunehmend zu einer gefährlichen Spaltung der Gesellschaft bei, die sich derzeit potenziell immer weiter aufschaukelt. Die Fronten am rechten und linken Rand verhärten sich und prallen immer unversöhnlicher aufeinander.

Fazit: Medien-Pädagogik wichtiger denn je!

Wir können uns auf die bisher geltenden Regeln und Normen in der Medien-Landschaft nicht mehr selbstverständlich verlassen. Man muss also künftig in der Medien-Pädagogik bestimmte Themen besonders intensiv beleuchten und aus neuer Perspektive betrachten. Dazu gehören zum Beispiel Aspekte wie politisch korrektes Verhalten, demokratische Grundwerte im Allgemeinen, Pluralismus und Meinungsvielfalt im Speziellen sowie den Wahrheitsgehalt von Nachrichten. Zudem ist Aufklärung darüber notwendig, wie hohe Klickraten zustande kommen, die Medienmachern im Internet gute Werbeeinnahmen bescheren und wie Influencer Medien-Wirksamkeit auf den Soziale Netzwerken generieren. Nur so kann vermittelt werden, warum sie ein Interesse daran haben, bestimmte Meinungen aggressiv zu verbreiten.

Letztlich können wir alle sogar von einem solchen Lernprozess profitieren, nämlich indem wir die Werte unserer demokratischen Gesellschaft erneut beleben und verinnerlichen. Konkret kann das im Alltag bedeuten, dass man sich nicht durch provokative Äußerungen zu spontanen Reaktionen hinreißen lässt, sondern nach Möglichkeit mit Bedacht reagiert. Eine solche konstruktive Konfliktkultur, die Streitgespräche und Debatten nicht außen vor lässt, sondern austrägt, ist auch im wirklichen Leben sehr hilfreich.

Links

Johannes Hillje: Massenspaltungsmedium

Der Pressekodex

Medien - Die "vierte Gewalt"?

Julia Zetz: Die Macht der Medien

Ulrich Schnabel: Überschätzte Macht

Tissy Bruns: Die Wichtigtuer

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