Über den Autor/die Autorin

Christine  Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

Digitale Medien im Unterricht

von Christine Kammerer



© Robert Kneschke - Fotolia.com
Digitale Medien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie beeinflussen unser Denken und Handeln und gehören zur Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen spätestens ab dem Kindergartenalter. Es ist also in jeder Hinsicht sinnvoll, den Heranwachsenden einen sinnvollen Umgang mit der Technik und den dort präsentierten Inhalten beizubringen. Doch wie viel Digitalität macht Sinn? Immer wieder wird behauptet, deutsche Schulen seien im Hinblick auf die Ausstattung mit digitalen Medien rückständig, nur weil dort nicht jedes Kind bereits mit einem Tablet arbeitet. Man unterstellt dabei, dass deutsche Schüler nicht für die Zukunft gerüstet seien und daher den Anschluss an die internationale Konkurrenz verpassen würden. Doch was ist tatsächlich dran an solchen kritischen Anmerkungen? Haben deutsche Schulen hier einen Nachholbedarf? Dieser Beitrag geht vor allem der Frage nach, ob sich digitale Medien wirklich so positiv auf den Lernerfolg auswirken wie so oft behauptet wird.

Bildung in der digitalen Welt

Digitale Kompetenz ist unbestritten eine zentrale und notwendige Fähigkeit in der modernen Wissensgesellschaft. Da versteht es sich beinahe von selbst, dass Kinder über die Chancen und Risiken und die Vor- und Nachteile im Umgang damit aufgeklärt werden müssen. Und zwar von dem Zeitpunkt an, an dem sie selbst beginnen, ihre ersten Schritte mit digitalen Medien zu machen. Das setzt natürlich voraus, dass an den Schulen nicht nur die Schüler selbst, sondern auch die Lehrer über die entsprechende Medienkompetenz verfügen müssen.

Die Kultusministerkonferenz veröffentlichte daher im Jahr 2016 einen Beschluss mit entsprechenden Konsequenzen für die Lehrkräfteausbildung und Schulentwicklung. Darin wird unter anderem der Ausbau der technischen Infrastruktur propagiert: Schüler sollen bis zum Jahr 2021 „jederzeit, wenn es aus pädagogischer Sicht im Unterrichtsverlauf sinnvoll ist, eine digitale Lernumgebung und einen Zugang zum Internet nutzen können“. Diese Forderung enthält einen kleinen Nebensatz, der den aufmerksamen Leser aufhorchen lässt:

„... wenn es aus pädagogischer Sicht im Unterrichtsverlauf sinnvoll ist“.

Wie wirksam ist Lernen mit digitalen Medien?

Es liegt auf der Hand, dass der Einsatz digitaler Medien nicht in jedem Falle sinnvoll ist. Inzwischen liegen erste Studien wie zum Beispiel die des Bildungsforschers Bardo Herzig für die Bertelsmann Stiftung vor, die für den Einsatz virtueller Lernumfelder richtungsweisend sind. Auch wenn sie mehr Fragen aufwirft, als sie beantworten kann. Schon deswegen, weil das Thema noch sehr jung ist, obgleich die Entwicklung insgesamt rasant voran schreitet. Generell wird in dieser Studie festgestellt, dass die Frage, ob Tablets im Unterricht besser seien als herkömmliche Methoden der Wissensvermittlung, irreführend ist. Es kommt schlicht auf die Ziele und Rahmenbedingungen der Unterrichtseinheit an, ob der Einsatz digitaler Medien die gewünschte Wirkung entfaltet. Diese besteht im schulischen Kontext in aller Regel in einem messbaren Lernerfolg, also

  • einem Zuwachs an Wissen oder
  • einer Verbesserung der Problemlösungsfähigkeit bzw. Transferfähigkeit.
Dabei hat sich gezeigt, dass Informationen besser abgespeichert werden, wenn sie nicht nur im Text dargestellt sind, sondern kombiniert mit einem Bild präsentiert werden. Je mehr Sinne angesprochen werden, desto höher ist auch der Lernerfolg: Liegen Inhalte als gesprochener Text vor, prägt sich das Gehörte besser ein. Das gilt auch für Inhalte, die visuell aufbereitet wurden, beispielsweise als Animation.

Motivation hoch, Wirkung gering

Die Forscher fanden heraus, dass Schüler im Rahmen von Projekten, bei denen Laptop, Notebooks oder Tablets benutzt werden durften, bessere Ergebnisse in verschiedenen Bereichen erzielten:

  • Motivation,
  • Kooperation,
  • Medienkompetenz,
  • Selbststeuerung und
  • kognitive Komplexität.
Allerdings ist das zusammenfassende Resultat der Untersuchung ernüchternd: Die Effekte, die durch den Einsatz digitaler Medien erreicht wurden, sind nicht nur marginal, sondern sie wären durch andere Methoden genauso gut realisierbar. Man kann es so auf den Punkt bringen: Wenn die Schüler bereits über eine gute Selbststeuerung und geeignete Lernstrategien verfügen, dann – und nur dann - fallen die digitalen Lernangebote auf fruchtbaren Boden. Der Besitz eines Tablets und seine Verwendung im Unterricht können jedoch auf keinen Fall - wie so oft fälschlicherweise und stark verkürzt behauptet wird, die Unterschiede der jeweiligen Schichtzugehörigkeit nivellieren oder gar aufheben.

Learning by Doing ist gefragt

Digitale Medien ersetzen nicht die herkömmlichen Lernmethoden. Sie sind lediglich ein weiteres Werkzeug im Pädagogen-Köfferchen - wie der Hammer, mit dem man Nägel in die Wand schlägt. Der Einsatz von Tablets bringt also zunächst einmal nicht mehr und nicht weniger als die Arbeit mit herkömmlichen Methoden. Eine solche Aussage kann nur im Kontext einer ganz konkreten Unterrichtssituation gemacht werden. Die Grundvoraussetzung dafür ist eine fundierte Qualifikation der Pädagogen, die an den Schulen Wissen und Fähigkeiten vermitteln und das in Zukunft sicher auch verstärkt mit digitaler Unterstützung tun werden. Hier ist derzeit vor allem Offenheit und Experimentierfreude gefragt. Denn in diesem Bereich liegen noch keine fertigen und wissenschaftlich abgesegneten Konzepte vor.

Unterrichtseinheiten, die mit digitalen Medien arbeiten, müssen erst entwickelt und evaluiert werden. Es gibt jedoch heute bereits eine ganze Reihe von Projekten, die von den Lehrenden selbst erarbeitet und in der Praxis erprobt wurden und auf verschiedenen Foren im Internet bereitgestellt werden.

Fazit

Digitale Medien im Unterricht sind also nicht per se sinnvoll. Von einer überstürzten Investition, bei der auf Biegen und Brechen und quasi über Nacht jeder Schüler mit einem mobilen Gerät ausgestattet wird, kann man nur abraten, denn eine solche Anschaffung zieht einen langen Rattenschwanz nach sich: Die Geräte müssen gewartet werden, ihre Sicherheit muss in jeder Hinsicht gewährleistet sein, es stellen sich Haftungsfragen etc. Zudem kann man nicht einfach davon ausgehen, dass an jeder Schule genug Lehrkräfte sind, die digitale Medien wirklich sinnvoll einsetzen können oder wollen. Und letztlich bewirkt guter Unterricht mit traditionellen Mitteln und Methoden nach den bisherigen Erkenntnissen der Wissenschaft unstrittig die gleichen Lernerfolge. Man sollte also ganz offen die Frage stellen, ob durch eine Neu-Anschaffung im Bereich digitaler Medien tatsächlich ein echter Mehrwert geschaffen wird.

Links

KMK: Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“

Jahrbuch Medienpädagogik: Die Öffnung von (Lern-)Räumen in Schule und Unterricht durch den Einsatz digitaler Medien. Der Einfluss von Computereinstellung, -ängstlichkeit und Lehrhaltung auf die digitale Mediennutzung von Lehrkräften, Lukas Schulze-Vorberg et al.

Wie wirksam sind digitale Medien im Unterricht? Bertelsmann Stiftung, Prof. Dr. Bardo Herzig

PRO und KONTRA: Digitale Medien in der Schule

Machen digitale Medien den Unterricht besser?

Schulprojekte mit digitalen Medien

Unterrichtsmaterial: 55 Ideen - Digitale Medien in der Grundschule

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