Über den Autor/die Autorin

Jörg Sauer

Jörg Sauer ist ausgebildeter Grundschullehrer und unterrichtet seit über 20 Jahren an einer Schule. Sein Anliegen ist es, den Unterricht möglichst umweltnah und praxisorientiert zu gestalten. Ihm ist es wichtig, Schülerinnen und Schülern mit pädagogischer Begleitung möglichst früh ihrem Alter entsprechende Eigenverantwortung zu übertragen, um ihre Freude am Lernen zu wecken und soziale Kompetenzen zu stärken. Dabei sollte der Blick auf die so genannten kleinen Dinge nicht vergessen werden. Neben der Lehrertätigkeit führte er in den vergangenen Jahren zahlreiche Weiterbildungen über die Nutzung von Neuen Medien im Unterricht durch.

Ist das Gymnasium ein Muss?

von Jörg Sauer



© Eléonore H - Fotolia.com
Für die Entwicklung unserer Kinder wollen wir nur das Beste. Das schließt die Bildung selbstverständlich mit ein. Spätestens im letzten Jahr in der Grundschule wird die Frage nach der weiteren Schulwahl immer mächtiger. Für Sie und Ihr Kind ist der ganz persönlich individuelle Entschluss ein wichtiger Schritt. Den gilt es genau zu durchdenken. Dazu möchte der nachfolgende Beitrag einige Anregungen geben.

Der häufig benutzte Begriff des „Gymnasiums“ weist einen interessanten historischen Ursprungauf. So stammt das lateinische Wort vom griechischen: „…gymnasion…“(1) ab. Es bedeutet so viel wie: „…Sportplatz…“, wortgetreu heißt es, es ist der: „… Ort, an dem man nackt ist.“ (2) Im antiken Griechenland wurden dort die männlichen Kinder und Jugendlichen im sportlichen und intellektuellen Belangen ausgebildet. Ausgangs des 19. Jahrhunderts erhielten auch Mädchen die Möglichkeit, eine höhere Schule zu absolvieren. Man nannte sie „Lyzeum“. Damit erreichte man eine deutliche Abgrenzung vom Gymnasium der Jungen. Nicht nur durch die räumliche Trennung unterschieden sich die Schulen, sondern auch in den Inhalten. So standen auf den „höheren Mädchenschulen“ schöngeistige Inhalte im Mittelpunkt. Jegliche sportliche Betätigung spielte kaum eine Rolle. Ursprünglich war das „Lyzeum“ eine heilige Stätte, die: „… dem Gott Apollon Lykeios (der Wolfstöter) geweiht war.“ (3) Sie befand sich in unmittelbarer Nähe von Athen.

Ziel des Gymnasiums

Der erfolgreiche Besuch eines solchen wird durch das Abiturzeugnis gekrönt. Es dokumentiert die allgemeine Hochschulreife. Damit ist für Ihr Kind der Zugang zum Hochschulstudium grundsätzlich möglich. In der heutigen Zeit ist auch die Berufsausbildung deutlich anspruchsvoller geworden. Dabei kann das Abiturzeugnis sehr hilfreich sein.

Der Weg zum Abitur ist so vielfältig, wie es Gymnasien gibt. Erkundigen Sie sich, ob das Konzept bzw. die Ausrichtung der gewünschten Schule zu Ihrem Kind passt. Das gilt nicht nur für die Wahl eines Gymnasiums.

Die Wahl der passenden Schulart für mein Kind

So manch einer von uns verspürt ein Gefühl von Unsicherheit oder gar Angst, Fehler bei der Wahl des weiteren Schulweges Ihres Kindes zu machen. Rasch kann es zu einer übermäßigen Erwartungshaltung kommen, die das einzelne Kind schwer aushalten kann. Die Reaktionen zeigen sich u.a. in zunehmenden Spannungen zwischen allen Beteiligten. Besonders in solchen Momenten ist es wichtig, dass wir uns bewusst machen, dass jeder Mensch wertvoll ist. Er ist genau richtig und sollte sich nach seinen Möglichkeiten entwickeln können. Nicht jedes Kind muss trotz bester Noten und Einschätzungen das Gymnasium besuchen. Die folgenden Überlegungen sollen helfen, den bestmöglichen Weg für Ihr eigenes Kind zu finden. Vermeiden Sie möglichst Vergleiche mit den Mitschülern oder denjenigen gleichen Alters. Es geht darum, den individuellen Stand des eigenen Kindes herauszufinden, seine Stärken, Schwächen und besonderen Hobbys. Sie kennen Ihr Kind am besten, dennoch ist eine enge Zusammenarbeit und Beratung mit den Lehrkräften im Sinne Ihres Kindes sehr hilfreich.

Möglichst genaue Ermittlung des Ausprägungsgrades der Kompetenzbereiche in den folgenden Bereichen

Da wäre zunächst die Lerneinstellung zu nennen. Sie sollten hinterfragen, ob Ihr Kind generell Lust am Lernen hat. Lässt es sich leicht für die unterschiedlichsten Gebiete motivieren oder dominiert personen- und/oder fachbezogenes Lernen? Ist Ihr Kind in der Lage, die Notwendigkeit des Lernens für sein eigenes Leben zu akzeptieren?

Das Lern- und Arbeitsverhalten spielt eine weitere große Rolle. Je besser sie ausgeprägt sind, umso leichter wird Ihr Kind mit den größer und umfangreicher werdenden Aufgaben fertig werden. Die folgenden Fragen sollten Sie möglichst genau beantworten:
  • Mit welcher Ausdauer werden die Aufgaben erledigt?
  • Werden die Aufgaben konzentriert gelöst?
  • Schwindet die Konzentration im Verlaufe der Auftragserledigung, bleibt sie konstant oder steigt sie gar?
  • Werden die Aufgaben genau gelöst?
  • Benötigt Ihr Kind eine Struktur oder ist sie nicht nötig?
  • Kann Ihr Kind immer wieder kehrende Arbeiten stetig erledigen? Müssen Sie viel nachfragen?
  • Ist Ihr Kind ehrgeizig bzw. fleißig?
  • Wie schätzen Sie die Selbstständigkeit und Selbsteinschätzung Ihres Kindes ein? Kann es seine eigenen Arbeiten kritisch betrachten?
  • Werden eigene Ideen und Vorstellungen entwickelt und vorgestellt?
Der dritte große Bereich ist der des sozialen Verhaltens. Die folgenden Aspekte sollten gründlich betrachtet und ggf. über einen gewissen Zeitraum beobachtet werden. Das beinhaltet u.a.:
  • die Teamfähigkeit,
  • die Hilfsbereitschaft,
  • den Umgang mit Konflikten,
  • die Kritikfähigkeit,
  • das Äußern der eignen Meinung mit Begründung und
  • das Verhalten zu Kindern und Erwachsenen.
Möglichst reale Einschätzung des Leistungsstandes in den grundlegenden Fächern

Für das Fach Deutsch beinhaltet dies die folgenden Schwerpunkte:
  • die Beherrschung der Rechtschreibung,
  • das zusammenhängende Sprechen sowie Schreiben,
  • die Beherrschung der gelernten Regeln der Grammatik und
  • das sinnerfassende Lesen.
In Mathematik, einschließlich der Geometrie ist es u. a. notwendig, diese Inhalte zu beherrschen:
  • die Grundaufgaben des kleinen Einmaleins,
  • die Grundrechenarten,
  • die schriftlichen Rechenverfahren.
Weiterhin sollte Ihr Kind Vorstellungen von Größen haben. Das betrifft die Einheiten der Länge, der Masse und der Zeit. Es muss in der Lage sein, problemhafte sowie kombinatorische Aufgaben zu lösen. Auf geometrischem Gebiet müssen die Eigenschaften über die wichtigsten Vierecksarten und Körper (u. a. Würfel, Quader) verinnerlicht sein. Das schließt ein, die einzelnen Objekte in der eigenen Umwelt zu erkennen. Testen Sie, ob Ihr Kind räumliche Vorstellungen besitzt. Dazu eignen sich u. a. die Steckwürfel oder der Zauberwürfel. Ihr Kind sollte fähig sein, spiegelgleiche Figuren zu erkennen und selbst Figuren zu spiegeln.

Die fachspezifischen Arbeitsweisen des Sachunterrichtes bilden eine wichtige Grundlage für den späteren Fachunterricht, gleich welcher Schulart. Dazu gehören u. a.:
  • das Betrachten von Dingen und Vorgängen,
  • das Beobachten von Abläufen oder Vorgängen,
  • das Durchführen von kleinen Experimenten und
  • das Führen von Protokollen.
Die gezielte Recherche nach Informationen wird immer wichtiger. Ihr Kind sollte in der Lage sein, die wichtigsten Abläufe zu erledigen und eine gewisse „Skepsis“ zu bewahren bzw. zu entwickeln. Neben der Nutzung der modernen Medien sind grundlegende Kartenkenntnisse notwendig. Damit einher geht die Entwicklung einer Orientierung im Raum.

Weitere wichtige Inhalte sind Kenntnisse:
  • über die heimatliche Umgebung und
  • wichtige einheimische Tiere und Pflanzen.
Individuelle Anlagen und Interessen beachten

Nicht zuletzt sind diese für die Wahl des richtigen Weges nach der Grundschule sehr wichtig. Das sind u. a.:
  • sportliche Anlagen und Neigungen,
  • musisch- künstlerische Begabungen und
  • handwerklich- praktische Neigungen.
Vielleicht zeigt Ihr Kind große Interessen für Geschichte, Geografie, die Luftfahrt, Gartenbau oder Gartenkunst oder experimentiert gern. So mancher große Experte oder Spezialist wurde zeitig entdeckt.

Tipp:
Um den aktuellen Ausprägungsgrad zu ermitteln, kann eine „Checkliste“ hilfreich sein. Notieren Sie die o. g. Punkte und vergeben plus und minus.

Bitte beachten Sie, dass die Reihenfolge keine Wertigkeit darstellt.

Ihr Kind und Sie sollten sich auch darüber im Klaren sein, dass das Lernen am Gymnasium sehr anstrengend und zeitintensiv ist. So manch einem Hobby kann nicht mehr wie gewohnt nachgegangen werden. Sie erfahren dort, was Leistungsdruck bedeuten kann.

Alternativen zum Gymnasium

Die Entscheidung nach der Grundschule über den weiteren Bildungsweg besitzt in dem Sinne keinen endgültigen Charakter. Die Schullandschaft ist wesentlich durchlässiger geworden. Gerade für s. g. Spätentwickler gibt es noch viele Möglichkeiten. Das ist oft für Jungen gut, da bei vielen von ihnen der so genannte „Knoten“ später platzt. Für denjenigen, der sich entscheidet, dass Abitur später abzulegen, gibt es zahlreiche unterschiedliche Möglichkeiten. Einen Überblick über diese erhalten Sie im letzten Linktipp.

Es muss nicht immer der direkte und schnellste Weg sein. Im Gegenteil, ein krummer, steiniger und scheinbar umständlicher Weg kann sehr wertvoll sein. Dieser verweist auf eine einfallsreiche, erfinderische und durchsetzungsfähige Persönlichkeit.

Abschließend noch der Gedanke: Nicht alle Kinder müssen aufs Gymnasium und Abitur machen. Es muss auch gute praktische Arbeiter und Handwerker… geben. Wo wäre Deutschland ohne seine sprichwörtliche Handwerkskunst. Bitte denken Sie daran, ein guter Realschulabschluss ist besser als ein schlechtes Abitur.

Linktipps
https://www-de.scoyo.com/eltern/ratgeber/kolumne/es-muss-nicht-immer-das-gymnasium-sein
https://www.focus.de/familie/schule/gymnasium/auf-umwegen-zum-abitur-bildung_id_1810049.html
https://www.studium-ratgeber.de/orientierung/abitur-und-wie-weiter/abitur-nachholen/

Quellen
(1) https://www.wortbedeutung.info/Gymnasium/
(2) ebd.
(3) https://www.wortbedeutung.info/Lyzeum/

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