Über den Autor/die Autorin

Ulrike Lindner

Ulrike Lindner hat Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Hochschule der Künste, Berlin, studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin, Werbetexterin und Moderatorin und lebt mit Mann und zwei Kindern in Wolfenbüttel.

Scheidung - wie Kinder sie erleben

von Ulrike Lindner



© JenkoAtaman - Fotolia.com
Eine Scheidung gehört zu den großen Krisen im Leben eines Menschen, vergleichbar mit einem Todesfall oder einer schweren Krankheit. In Familien mit Kindern sind nicht nur Mutter und Vater betroffen, wenn einer oder beide sich entscheiden, in Zukunft getrennte Wege zu gehen, sondern auch der Nachwuchs. Neben dem Zerbrechen der Familie sorgen oft Scheidungsfolgen wie ein Umzug, der Verlust von Beziehungen zu anderen Menschen, ein wirtschaftlicher Abstieg oder die Gründung einer neuen Familie für Verunsicherung.

Dennoch stellt eine Scheidung heute nicht mehr das Stigma dar, wie noch vor einigen Jahrzehnten. In Deutschland wird etwa jede dritte Ehe wieder geschieden, mehr als die Hälfte der betroffenen Paare sind Eltern. Scheidungskind zu sein, ist daher heute fast die Regel, nicht mehr die Ausnahme. Das erleichtert es vielen Kindern ein wenig mit der Situation umzugehen, die fast alle zunächst als Tragödie erleben. Eltern können ebenfalls einiges dazu beitragen, dass Kinder eine Trennung besser verkraften. Nicht zuletzt: Scheidungskinder sind auf lange Sicht weniger anfällig, als Kinder aus Konfliktfamilien, auch das ist eine Erkenntnis jüngerer Studien.

Scheiden tut weh

Den Trennungsschmerz kann niemand den Kindern ersparen. Für sie ist die Scheidung ihrer Eltern aus anderen Gründen schwierig, als für die Erwachsenen. Viele fühlen sich verantwortlich und haben Schuldgefühle wegen der Trennung, auch wenn sie nicht verstehen, welche Mechanismen dazu geführt haben.
Gerade wenn Mutter und Vater sich vor der Trennung viel gestritten haben, werden Meinungsverschiedenheiten auch über die Erziehung der Kinder ausgetragen. Anders gesagt: Viele Konflikte entstehen auf der Paarebene, werden aber auf der Elternebene ausgetragen. Für Kinder ist es deshalb wichtig zu verstehen, dass sie keine Schuld an der Scheidung trifft, sondern dass es sich um einen Prozess handelt, der zwischen den Eltern ausgetragen wird.

Ohnmacht, Trauer, Wut, Angst – Gefühle

Ebenfalls schwierig sind die Ohnmachtsgefühle, die viele Kinder erleben. Die Entscheidung der Eltern findet über ihren Kopf hinweg statt, ohne dass sie darauf Einfluss nehmen können. Das betrifft auch die Situation nach einer Scheidung: Oft gehen die getrennten Elternteile neue Beziehungen ein, auf die Sohn oder Tochter ebenfalls keinen Einfluss habe. Plötzlich sind sie nun mit der Freundin des Vaters oder dem neuen Partner der Mutter konfrontiert und müssen sich in dieser neuen Familienkonstellation erst orientieren. Viele haben dann das Gefühl, dass für sie kein Platz mehr ist oder dass sie ihren Vater kaum noch sehen, etwa wenn immer die neue Freundin anwesend ist.

Auch Verlustängste sind keine Seltenheit. Gerade jüngere Kinder befürchten oft insgeheim, ganz und gar verlassen zu werden. Nach der Logik: Wenn einer geht, kann auch jederzeit der andere gehen, ist ihr Vertrauen in die Eltern erschüttert. Besonders dann ist es wichtig, Verlässlichkeit zu demonstrieren.

Eltern-Streit belastet die Kinder

Belastend ist selbstverständlich auch das oft schlechte Verhältnis zwischen den ehemaligen Partnern. Wenn Mutter und Vater nicht mehr miteinander reden oder auch nach der Scheidung weiter streiten, trifft das die Kinder besonders hart. Auch hier ist es wichtig, dass Kinder verstehen, dass die Streitigkeiten und Kommunikationsprobleme nichts mit ihnen zu tun haben. Am besten gelingt das, wenn die Kinder Strategien entwickeln, mit der unvermeidlichen Traurigkeit umzugehen. Besonders hilfreich sind verständnisvolle Gesprächspartner, etwa die Großeltern, die Trost spenden können und bei denen sich die Kinder verstanden fühlen, ohne allzu viel erklären zu müssen.

Was Eltern tun können

Trotz aller Schwierigkeiten können Eltern dazu beitragen, die negativen Folgen einer Trennung für ihre Kinder zu minimieren. Für Mütter und Väter, die sich trennen wollen und den gemeinsamen Wunsch haben, es ihren Kindern möglichst leicht zu machen, ergeben sich folgende Handlungsoptionen:

Transparent sein

Steht eine Trennung oder Scheidung bevor, sollten die Kinder davon erfahren, ehrlich und ohne Beschönigung. Eltern sollten, so die Empfehlung, zu zweit mit den Kindern sprechen und sich vorher gemeinsam auf dieses Gespräch vorbereiten.

Das mag für die allermeisten schwer sein, denn viele erleben in dieser Zeit selbst extreme Ängste und Verunsicherung oder auch Wut und Ärger. Dennoch hilft den Kindern die klare Kommunikation, auch in Hinblick auf die Gefühle der Eltern zueinander, selbstverständlich ohne abfällig oder verletzend über den anderen zu reden. Wenn Kinder fragen, warum sich Eltern trennen, sind deutliche, nicht zu ausufernde Erklärungen hilfreich. Formulierungen wie „Wir verstehen uns nicht mehr gut“ machen auf eine respektvolle Weise die eigenen Gefühle deutlich.

Viele Kinder haben im Verlauf der Trennungsphase ohnehin die Entfremdung der Eltern gespürt und wünschen sich lediglich eine Bestätigung der eigenen Wahrnehmung. Auch sollte deutlich ausgesprochen werden, dass die Kinder keine Schuld an der Trennung trifft und dass sie das Recht darauf haben, wütend und traurig zu sein.

Verantwortung klären

Eltern sollten zudem klar kommunizieren, dass sie trotz der Trennung Mutter und Vater bleiben, die das Kind beide lieben - und dass die Verantwortung für die Trennung allein auf der Paarebene liegt. Wenn Kinder den Unterschied zwischen der Paar-Ebene und der Eltern-Ebene begreifen, fällt es ihnen leichter zu akzeptieren, dass selbst wenn die Beziehung zwischen den Eltern nicht mehr funktioniert, sie doch Mutter und Vater bleiben.

Konflikte für sich behalten

Schwer ist es für viele Eltern, die Paarkonflikte nicht auf die Kinder zu übertragen. Experten raten deshalb dazu, ganz bewusst die Rolle als Mutter oder Vater von der des Ehepartners oder der Ehepartnerin zu trennen. Das bedeutet, dass Eltern trotz Trennung und Streit als Mutter und Vater weiter funktionieren können. Das Wichtigste ist dabei, nicht schlecht über den Ex-Partner zu reden und in Sachen Erziehung Einigkeit zu demonstrieren, auch wenn das schwer fällt. Sich weiterhin kooperativ zu zeigen, ist vielleicht der wichtigste Schutzfaktor für das spätere Wohlergehen der Kinder.

Nach der Trennung verlässlich da sein

Studien haben gezeigt, dass es für Kinder entlastend ist zu erfahre, wenn Eltern nach einer Trennung präsent und verlässlich da sind. Dazu gehört etwa eine Alltagsstruktur aufzubauen, die den Kindern Sicherheit gibt. Gerade für die Jüngeren zählt nach einer Scheidung der Eltern die Erfahrung, nicht verlassen zu sein.

Das eigene Wohlbefinden nicht aus den Augen verlieren

Kinder leiden, wenn Eltern leiden. Wer darum in einer Trennungssituation auch das eigene Befinden nicht hintenan stellt, sondern mit individuellen Strategien dafür sorgt, mit dem Trauma der Trennung umzugehen, tut auch den Kindern etwas Gutes. Dazu gehört auch, sich therapeutische Hilfe zu suchen, wenn eine Trennung als sehr belastend empfunden wird.

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