Über den Autor/die Autorin

Jörg Sauer

Jörg Sauer ist ausgebildeter Grundschullehrer und unterrichtet seit über 20 Jahren an einer Schule. Sein Anliegen ist es, den Unterricht möglichst umweltnah und praxisorientiert zu gestalten. Ihm ist es wichtig, Schülerinnen und Schülern mit pädagogischer Begleitung möglichst früh ihrem Alter entsprechende Eigenverantwortung zu übertragen, um ihre Freude am Lernen zu wecken und soziale Kompetenzen zu stärken. Dabei sollte der Blick auf die so genannten kleinen Dinge nicht vergessen werden. Neben der Lehrertätigkeit führte er in den vergangenen Jahren zahlreiche Weiterbildungen über die Nutzung von Neuen Medien im Unterricht durch.

Entdecken, erleben, begreifen

von Jörg Sauer



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Hinter diesen drei scheinbar einfachen und harmlosen Wörtern verbirgt sich eine große Kraft. Diese betrifft uns als gesamter Mensch und kann gewaltige Erkenntnisse hervorbringen. In Goethes „Faust“ heißt es passend: „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammen hält…“(1) Dazu möchte der nachfolgende Beitrag einige Anregungen geben.

Was steckt hinter diesen drei Worten?

Unter dem Begriff: „Entdecken“ versteht man im Allgemeinen, dass etwas Neues oder Unbekanntes gefunden wurde. Das können zum Beispiel Pflanzen, Tiere oder ein völlig anderer Zusammenhang sein. Sehr gern gehen (nicht nur) Kinder auf Entdeckungsreise. Das muss nicht nur die Suche nach einem Schatz sein, sondern können auch besonders schöne Blüten, Blätter, Steine oder phantastisch gewachsene Bäume sein. Entdeckungen können planmäßig vorbereitet werden. Sehr oft passieren sie spontan, zufällig. Die wahre Kunst ist es, die natürliche Freude und Neugier der Kinder an Entdeckungen zu fördern. In der pädagogisch- methodischen Wissensaneignung stellt das entdeckende Lernen eine besondere Form dar. Sie sind auch für das Leben in der Familie hilfreich. Im ersten Linktipp erfahren Sie dazu Näheres.

Erleben „… bezeichnet alle psychischen Abläufe…“ (2) eines Menschen. Dazu zählen u. a.: „… Denken, Wahrnehmen, Gefühle, Bedürfnisse…“ (3) Jeder einzelne von uns wird von bestimmten Ereignissen besonders beeindruckt, begeistert, scheinbar kaum berührt, desinteressiert oder gar enttäuscht. Es sind subjektive Eindrücke. Auf Erlebtes kann man zum Beispiel sehr intensiv, passiv oder gar abweisend reagieren. Auf das gleiche Ereignis können zwei Personen völlig unterschiedlich reagieren. Erleben bedeutet weiterhin, dass man „Zeuge“ bei Naturereignissen, gesellschaftlichen, politischen oder gar historischen Ereignissen beteiligt ist.

Wir be- greifen unsere Welt von Anfang an, in dem unser größtes Organ (die Haut) Reize aufnimmt und ins Gehirn weiter leitet. Nach und nach entwickelt sich dort ein Abbild von dem jeweiligen Gegenstand. Ebenso werden dort die Informationen über die Beschaffenheit, die Form und das Material gespeichert. Dem Be- greifen wird nicht immer die notwendige Aufmerksamkeit gewidmet. Häufig wird die Ebene schnell verlassen und abstrahiert. Jedes Kind braucht für diesen Prozess seine individuelle Zeit.
Weiterführende Informationen finden Sie im zweiten und dritten Linktipp. Darüber hinaus versteht man unter dem Begreifen das Erfassen eines Zusammenhanges oder der Handlungsweise eines bzw. mehrerer Menschen. Das schließt auch das Erfassen von Gefühlen und Denkweisen anderer ein. Der „Dreiklang“ von „Entdecken, Erleben, Begreifen“ ist im Grunde in unserer Zeit „nur“ wieder entdeckt. Er geht auf den ganzheitlichen Ansatz der Bildung und Erziehung zurück. Damit ist die Einheit von „Kopf, Herz und Hand“ gemeint. Daher lohnt sich ein

Blick in das Geschichtsbuch

Bereits in den Überlegungen des griechischen Philosophen Planton (427 bis 347 v.Chr.) war das Ziel die: „… Gesamtpersönlichkeit … in ihrem Streben nach dem Wahren, Schönen, Guten, sowie nach Weisheit und Vernunft…“ (4) Ein großer Sprung erfolgt in das 18. Jahrhundert. In diesem nahm die Pädagogik einen gewaltigen Aufschwung. Der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746 bis 1827) ist einer der bekanntesten Vertreter. Grundsätzlich ging es ihm darum, ein stabiles Fundament zu legen. Der Mensch sollte befähigt werden, sich selbst zu helfen. Pestalozzi ging es darum, die in den Kindern ruhenden Kräfte sowie Anlagen zu entdecken und zu fördern. Er erkannte u. a.: „… Zeitfenster der neuronalen Reifung….“ (5) für die Entwicklung von Säuglings- Kleinkindern wichtig sind. Dafür entwickelte er entsprechende Materialien. Pestalozzi wand das Dreigestirn von „Kopf, Herz und Hand“ bei der Entwicklung von Kindern unterstützend an. Er verstand darunter den: „ … Intellekt, Sitte und sprachliche Fähigkeiten…“(6) Einen ähnlichen Ansatz verfolgte später die italienische Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori (1870 bis 1952) Ihr Ausspruch: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ (7) drückt kurz ihre grundlegende Idee aus.

Anregungen

Besonders jüngere Kinder besitzen meist einen großen „Forscherdrang“. Sie wollen Neues entdecken und ausprobieren, was hinter den Dingen steckt. Diesen Drang gilt es zu entdecken und zu fördern. „Die Zeit bis zum Alter von fünf Jahren ist in der Wissenschaft als zentral für die neurologische Entwicklung des Kindes akzeptiert:“ (8) Es geht nicht nur um Projekte oder Aktionen mit großem Umfang. Wichtig ist, das Kleine und Schöne im Alltag erkennen.

Kinder erforschen von Anfang an besonders intensiv ihre unmittelbare Umwelt. Zu Hause bietet die Küche ein ideales Tummelfeld. Kaum können sich die Kinder kriechend fortbewegen, schon wird erkundet. Räumen Sie in ein unteres Schrankfach nur solche Dinge, die nicht zerbrechen. Somit kann Ihr Kind aus- und einräumen bzw. damit spielen, wie es mag. Eine Konsequenz muss beim Einräumen angebahnt werden. Nicht Sie sollen nachräumen.

Spielen ist kein Selbstzweck oder gar nur eine Beschäftigung. Es leistet wichtige Beiträge für die Entwicklung des eigenen Lebens. Scheinbar nebenbei stärkt Ihr Kind u.a. sein Selbstvertrauen, schärft die Sinne, wird zum Denken angeregt, wird ausdauernder, oft genauer und entwickelt soziale Kompetenzen. Ihr Kind erlebt, dass auch Fehler und Niederlagen zum Spiel gehören. Aus diesen kann es lernen.

Kinder brauchen nicht das perfekte Spielzeug . Häufig genügen Materialien des Alltages. Das können Kartons, kleine Schachteln, Kisten … sein. Daraus lassen sich die kreativsten Dinge bauen. Das reicht von Türmen über Häuser bis hin zu kleinen Höhlen. Ihr Kind ist da selbst sehr erfinderisch.

Welches Kind wird nicht magisch vom Wasser angezogen? Im Umgang mit diesem müssen die Kinder auch einen gewissen Respekt erlangen. Das kann in der Badewanne oder einem großen Becken sein. Flaschen werden gefüllt, wieder geleert und Tests im Schwimmen oder Sinken durchgeführt. Großer Beliebtheit erfreut sich das Bauen von „Staudämmen“ in Bächen. Da wird so manch ein Erwachsener rasch zum Kind.

Seien Sie Waldforscher. Unzählige Möglichkeiten ergeben sich hierbei. Riechen Sie gemeinsam den Wald und fangen mit einer Flasche seinen Duft. Verschließen bitte nicht vergessen. Beim Öffnen zu Hause erleben Sie Überraschungen…. Wie fühlt sich Moos an oder die Rinde dieses oder jenen Baumes? Wie schön sieht der Fliegenpilz aus? Ein großes Erlebnis ist für viele Kinder das Sammeln von Pilzen. Wenn die Möglichkeit besteckt, dann bauen Sie gemeinsam Hütten aus Ästen und Zweigen. Ihr Kind wird begeistert sein. Sie erleben die Vielfalt und Komplexität des Waldes.

Gleiches gilt für das Entdecken von Wiesen und/oder Feldrainen. Legen Sie sich mit Ihrem Kind in die Wiesen, machen die Augen zu und lauschen…. Natürlich kann sich dann auf Forschergang nach Pflanzen begeben werden. Dabei werden Sie dem ein oder anderen Tier begegnen. Achtung, es gibt geschützte Tiere und Pflanzen.

Zahlreiche Museen bieten in unserer Zeit Angebote zum Mitmachen oder Ausprobieren. Ihr Kind will etwas tun. Daher ist eine Führung durch ein Museum nicht so gut geeignet. Gleiches gilt für den Besuch von Burgen und Schlössern.

Gestalten Sie mit Ihrem Kind Forscherkisten. Das kann ein einfacher Karton sein. Diesen gestaltet Ihr Kind entsprechend seiner Fantasie. Sie sind „nur“ der Helfer. Hier kann alles an gesammelten Dingen hinein. Von Zeit zu Zeit sollten Sie nach den Dingen sehen, damit nichts verrottet. Neben Forscherkisten bauen Kinder sehr gern Fühlkisten.

Sie kennen Ihr Kind, seine Stärken, Begabungen und Interessen am besten. Viele Entdeckungen lassen sich mit Hilfe von zahlreichen unterschiedlichen Experimentierkästen erleben.

Zahlreiche Hochschulen und Universitäten bieten Kindervorlesungen an. Darüber hinaus gibt es dort zahlreiche Angebote. Lassen Sie Ihr Kind an der besonderen Atmosphäre schnuppern und die Möglichkeiten erkunden. So manch ein Kind entdeckte hier sein Hobby und/oder legte damit den Grundstein für das weitere Leben. Anregungen finden Sie in den letzten drei Links. Erkundigen Sie sich in Ihrem Umfeld, wo solche Möglichkeiten bestehen.

Fazit

Setzen Sie Vertrauen in Ihr eigenes Kind, Sie werden staunen. Herausforderungen gilt es anzunehmen. Das stärkt Ihr Kind ungemein. So schrieb der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt (1769 bis 1859) am 25. April 1849 an König Friedrich Wilhelm IV von Preußen. „Das Schwierige scheint mir nie unmöglich“ (9).

Linktipps

https://www.fh-kiel.de/index.php?id=8797
https://www.dasgehirn.info/wahrnehmen/fuehlen/die-welt-begreifen
https://www.reichartzeder.at/downloads/Mit_allen_Sinnen_Skript_2015.pdf
http://montessori-bielefeld.de/zitate-der-maria-montessori/
https://www.fruehe-bildung.online/
https://www.annaberg-buchholz.de/media/Flyer_Museumspaedagogik_final.pdf
https://www.tu-chemnitz.de/tu/kinderuni/
https://www.ku-dresden.de/
https://www.hs-harz.de/hochschule/offener-campus/kinderhochschule/

Quellen

(1) Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Der Tragödie erster Teil, Reclam, 36. Auflage, Seite 17f
(2) http://lernen.psycho-wissen.net/verhalten-und-erleben/index.html
(3) ebd.
(4) https://de.wikipedia.org/wiki/Humanistische_P%C3%A4dagogik
(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Heinrich_Pestalozzi
(6) ebd.
(7) https://de.wikipedia.org/wiki/Montessorip%C3%A4dagogik
(8) Prof. Dr. Wassilios E. Fthernakis, Aus MINT wird MNKT in didakta, 04/18, Seite 8
(9) http://www.avhumboldt.de/?p=6527

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