Über den Autor/die Autorin

Hildegard Dierks

Hildegard Dierks hat ihr Lehramtsstudium in den Fächern Englisch und Pädagogik für die Sekundarstufen I und II absolviert und an der Universität Bielefeld das Magisterstudium mit dem Schwerpunkt Computerlinguistik abgeschlossen. Sie arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin für verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestütztes Lernen aber auch schulpolitische Themen. Seit einigen Jahren ist sie begeisterte Anhängerin des sog. E-Learnings einer internetgestützten, zeitlich flexiblen Form des Studiums und der beruflichen Weiterbildung. Neben Lehrheften lernt man beim E-Learning auch in betreuten Chats und Webinaren. Frau Dierks lebt mit ihrer Familie in Ostwestfalen. In ihrer Freizeit hört sie gern Hörbücher und spielt Akkordeon.

Bewertungsportale und Co. - Schüler bewerten Unterricht und Lehrer

von Hildegard Dierks



© Syda Productions - Fotolia.com
Schon immer träumten Schülerinnen und Schüler davon ihren Lehrern/-innen die Meinung zu sagen, ohne Nachteile zu befürchten. Tendenziell sind Autoritäten nicht mehr so furchteinflößend wie früher, aber dennoch liegen im Verhältnis Schüler/-in, Eltern und Lehrkräfte potenziell Konflikte, wenn es um die Beurteilung von Unterricht oder Zensuren geht. Schülerinnen und Schüler werden bewertet im Unterricht, aber können auch sie ihr Urteil oder eine Rückmeldung abgeben? Welche Möglichkeiten gibt es Rückmeldungen zum Unterricht zu geben?

Bewertungsportale und Messenger-Dienste

In der Vergangenheit spielten Schüler/-innen ihren Lehrern gelegentlich Streiche und schimpften auf dem Schulweg über sie. Die Worte verhallten im Wind und zum Glück, möchte man sagen, wurde nichts davon gespeichert.

Mit dem Aufkommen des Internets verlagerte sich diese Kommunikation, d.h. das Bewerten von Unterricht und Lehrkräften ins Netz. Bewertungsportale wie spickmich.de und schulradar.de entstanden. Diese Portale sind nicht verschwunden aus dem Netz. Sie sind aber inzwischen fast bedeutungslos.

Schülerinnen und Schüler und auch Eltern nutzen zunehmend „geschlossene“ Gruppen verschiedener Messenger-Dienste, um über Unterricht, Schule mehr oder weniger sachlich, oft in Wut und Verärgerung zu kommunizieren.

Ein großer Teil moderner Alltagskommunikation findet in Gruppen von Social Media statt. Auch Schule und Lehrer sind dort Thema. Ein wichtiger Nachteil bei dieser Art von Kommunikation ist beispielsweise, dass Lehrkräfte oft in diesen Gruppen zu Problemen nicht gehört werden, nicht gehört werden können. Aus Datenschutzgründen ist ein Austausch über viele relevante unterrichtsinterne Fragen in den Gruppen der Social Media nicht möglich.

Nicht immer ist ein Austausch in App-Gruppen negativ, es geht oft auch um Organisatorisches oder Hausaufgaben.

Werden Unterricht und Lehrkräfte allerdings verunglimpft, kann das nicht zuletzt für die Nachrichtenschreiber/-innen problematisch werden. Alles wird gespeichert, auch die unsachliche Bemerkungen oder die Beleidigung. Geht es um die Leistung von Kindern, sind die Daten der Kinder in diesen Gruppen nicht genügend geschützt. Inhalte werden geteilt und können leicht auf irgendeinem Wege durch ein Datenleck öffentlich werden. Der Verbündete von heute, mit dem ich zusammen „abgelästert“ habe, kann zum Gegner von morgen werden und mich mit der Veröffentlichung eines Posts in einer kritischen Situation zu einem späteren Zeitpunkt in Misskredit bringen.

Unsachliche Kommunikation über Unterricht und Lehrer verschafft vielleicht manchem Schüler für den Moment emotionale Erleichterung, führt aber selten zu einer konstruktiven Veränderung von Unterricht.

Apps für Schülerfeedback im Unterricht

Nicht übereinander reden, sondern miteinander. Das ist wichtig, will man etwas zum Positiven verändern und Probleme lösen.

Eine Möglichkeit für Schülerinnen und Schüler anonymisiert dem Lehrer/der Lehrerin eine Rückmeldung zum Unterricht zu geben, hat das Startup-Unternehmen Edkimo in Zusammenarbeit mit der Leuphania Universität Lüneburg mit der Entwicklung einer Feedback-App geschaffen.

Diese App erinnert an Computerspiele. In einem mehrjährigen Entwicklungsprozess haben die Macher mit Lehrer/-innen Fragebögen mit unterrichtsrelevanten Fragen entwickelt. Die Fragen werden von Schülerinnen und Schülern mit dieser Feedback-App beantwortet, die Antworten dann grafisch aufgearbeitet. Anschließend soll das Ergebnis gemeinsam besprochen werden und Konsequenzen erfolgen. Wichtig war den Entwicklern/-innen, dass es sich um schulpraktische Fragebögen handelt. Zum Einstieg können Lehrkräfte auf einen Pool vorgefertigter Fragenbögen zurückgreifen. Sie haben aber auch die Möglichkeit für die eigene Unterrichtssituation selbst mithilfe einer Eingabemaske einen Fragebogen zu erstellen, den die Schüler/-innen dann beantworten.

Diese Form der Schülerrückmeldung auf Unterricht ist im Kommen. Die App-Entwickler haben bereits einen Kooperationsvertrag mit der QUA-LiS NRW abgeschlossen. In NRW verfügen alle Lehrkräfte über einen kostenfreien Zugang für eine Grundversion. In anderen Bundesländern hat zumindest eine Person pro Schule einen Zugang - so das Unternehmen auf seiner Website. Inwieweit der Zugang genutzt wird, ist eine andere Frage.

Probleme und Möglichkeiten – Rückmeldungen im Internetzeitalter

Unsere Lust am anonymisierten Feedback scheint derzeit sehr ausgeprägt, nun auch im Unterricht.

Dieser Feedback-App liegen „schulpraktische“ Fragebögen zugrunde. Aber diese Art der Rückmeldeerhebung beinhaltet ähnliche Nachteile wie das Beantworten analoger Fragebögen. Welche Fragen sind für eine spezielle Klasse oder Schulsituation überhaupt relevant? Das kann vor allem eine Schwierigkeit sein, wenn es um die Problemlage einzelner Schüler geht. Lernen ist oft eine sehr individuelle Angelegenheit. Können alle Fragen gestellt werden, oder gibt es Ausnahmen, die zum Schutze der Kinder nicht gestellt werden können?

Sind Schüler/-innen tatsächlich ähnlich Lehrkräften wirklich Experten für Lernen? Das ist eine Grundannahme des Rückmeldetools von edkimo. Können Kinder kompetent Antworten zu mehr als zu einer gefühlten Unterrichtswirklichkeit, zu ihrer eigenen Befindlichkeit geben? Sind sie auf Dauer, wenn der Reiz des Neuen vorbei ist, mit dem nötigen Ernst bei der Sache? Beurteilt man den Nutzen dieser App, darf man die Grenzen der Aussagekraft der Ergebnisse nicht verkennen.

Eine Auswertung digitaler Fragebögen ist mithilfe der App schnell möglich. Das ist ein Vorteil. Professionelle grafische Darstellungen täuschen andererseits leicht eine unangemessene Wissenschaftlichkeit vor.

Wir brauchen Feedback, um Sicherheit in unserem Tun zu bekommen. Lehrkräfte erhalten sonst vergleichsweise wenige Rückmeldungen von ihren Schülern/Schülerinnen, zumindest nicht in systematischer, aufbereiteter Weise. Lehrkräfte und Eltern sehen die Ergebnisse von Tests und Klassenarbeiten. Sie sehen auch die Gesichter und den Aufmerksamkeitspegel der Kinder beim Lernen. Im Grunde wissen wir in vielen Bereichen, wo der „Schuh drückt“. Wir haben vielfach ein Umsetzungsproblem bei der Lösung von Schulproblemen und immer weniger Lehrkräfte, die sich darum kümmern können.

Beim E-Learning und bei Internetschulen, bei denen eine Präsenz der Schülerinnen und Schüler vor Ort nicht vorgesehen ist, fallen die Möglichkeiten Schülerinnen und Schüler im Auge zu haben, weg. In dieser Situation geben Rückmeldungen mit Feedback-Apps sehr wichtige Anhaltspunkte zu Unterricht und zur Qualität der verwendeten Unterrichtsmaterialien.

Schülerinnen und Schüler möchten auch aus psychologischer Sicht „gehört“ werden. Mithilfe von Feedback-Apps kann trotz aller Einschränkungen mehr Partizipation, d.h. mehr Demokratie in der Schule und prinzipiell auch mehr Schülerorientierung möglich sein. Zumindest könnte mit einer Feedback-App dafür eine bessere Voraussetzung geschaffen werden.

Die Zeit wird zeigen müssen, ob auf diesem Wege vielleicht sogar ein besserer Unterricht entstehen kann, weil man beispielweise anderes Lernmaterial entwickeln kann oder vollkommen andere Probleme entdeckt werden, von denen bisher keine Rede war.

Kommentar: App-gestützt anonym, aber auch Gesicht zeigen

Was für Probleme haben wir in der Schule, die auch mithilfe einer Feedback-App gelöst werden können? Darüber müsste nachgedacht werden? Technik soll vor allem helfen Schulprobleme zu lösen. Technik soll nicht eingesetzt werden, nur weil sie da ist und wir Digitalisierung wollen.

Softwaregestütztes Feedback zu Unterricht, projektbezogen oder bei besonderen Problemlagen eingesetzt, kann eine Möglichkeit sein, etwas über die Stimmung im Unterricht sowie über die Einschätzung der Schüler zu erfahren. Die Rückmeldungen werden dabei durch Fragen gelenkt, aber „sonstige“ Kommentare sind möglich.

Die Evaluation von Unterricht kann app-gestützt etwas erleichtert werden. Der Datenschutz muss dabei aber gewährleistet sein. Wir werden auf technikaffine Menschen angewiesen sein. Die Anschaffung der Technik wird mittelfristig Geld kosten.

Die Interpretation der erhobenen Ergebnisse und die Umsetzung notwendiger Konsequenzen bleiben aufwändig. An dieser Stelle ist weiterhin pädagogische Erfahrung von Lehrkräften und Eltern gefragt. Die schulpolitischen Rahmenbedingungen müssen ebenfalls stimmen. Schülerinnen und Schüler werden enttäuscht sein oder sich ausgenutzt fühlen, wenn sie keine Veränderung zum Besseren erleben, nachdem sie befragt wurden.

Ich persönlich meine, dass diese neue Technik „nur“ in Ergänzung zu traditionellen analogen Rückmeldungen und Beiträgen, die Schülerinnen und Schüler geben, akzeptabel ist.

Schülerinnen und Schüler sollten gerade im Zeitalter der Digitalisierung in der Schule lernen (wo sonst?)
  • in angemessener, respektvoller Sprache,
  • nicht anonym,
  • dem Lehrer/der Lehrerin direkt zu sagen, was gesagt werden muss.
Dazu gehört das Angenehme, das den Anderen erfreut, aber auch das Unangenehme, das den Anderen herausfordert oder ärgert.

Diese Kompetenz geht mehr und mehr verloren. In Echtzeit, d.h. während des Unterrichts können und sollen sich Schülerinnen und Schüler melden und beispielweise um eine weitere Erklärung bitten. Das ist doch wohl kein Problem oder?

Erfolgreich Lernen heißt nicht nur Fragebögen, die Lehrer/-innen formuliert haben, mit einer App zu beantworten. Erfolgreich Lernen heißt vor allem auch, selbst Fragen zu stellen, wenn sie im Unterricht aufkommen. Das muss geübt und gefördert werden. Eine App habe ich nicht immer parat.

Linktipps

www.edkimo.com

Beispielfragebögen für verschiedene Schulformen von edkimo

Buchtipp

Anja von Kanitz, Feedbackgespräche, Haufe Taschenbuch Guide 2015

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