Über den Autor/die Autorin

Dr. Birgit Ebbert

Dr. Birgit Ebbert ist freie Autorin und als Diplom-Pädagogin seit vielen Jahren in der Elternarbeit und Lehrerfortbildung tätig. Neben Kinderbüchern und Krimis schreibt sie Elternratgeber, Lernhilfen, Vorlesegeschichten und Bücher über kreatives Arbeiten mit Papier.

Was Oma und Opa gespielt haben

von Dr. Birgit Ebbert



© nadezhda1906 - Fotolia.com
Fragt man heute ein Kind, was es am liebsten spielt, so wissen Erwachsene häufig nicht, wovon die Rede ist. Da fallen Namen von Figuren aus elektronischen Spielen, die ständig wechseln. Erkundigt man sich dann aber nach einem „richtigen“ Spiel, an dem andere Spieler beteiligt sind, sieht das schon anders aus. Dann wird deutlich, dass auch heutige Kinder Freude an Brett- und Ballspielen haben und manche Spiele, die Oma und Opa früher spielten, nicht vergessen sind.

1. Kinderspiel früher und heute

Das Schöne an den Spielen, die Oma und Opa spielten ist, dass nicht viel Material nötig ist. Oft lassen sie sich überall umsetzen, wenn nur einige Mitspieler da sind. Gerade die dunkle Jahreszeit bietet sich an, gemeinsam solche Spiele auszuprobieren und womöglich neue Spiel-Favoriten zu entdecken. Und wenn die Kinder auf den Geschmack gekommen sind, gibt es auch für das Spiel draußen viele Anregungen. Manche davon kennen Sie bestimmt aus Ihrer Kindheit, lassen Sie sich entführen in die Erinnerung und erobern Sie sie mit Ihren Kindern zurück.
Übrigens ist das Spielen die „Arbeit“ der Kinder, dabei lernen sie die Welt und das Leben kennen. Sie üben Regeln, Gewinnen und Verlieren, sich mit anderen abzustimmen und viele Spiele regen zu Gesprächen an: Wieso heißen Fadenspiele auch „Schweinchen auf der Leiter“? Warum habt ihr mit dem Reifen eines Fahrrads gespielt? …

In dem Artikel finden Sie einige Spielbeispiele, die Literatur und Links im Anhang zeigen, dass es noch viel mehr gibt und Oma, Opa oder die älteren Nachbarn erzählen sicher gerne, was sie als Kind gespielt haben.

2. Spiele mit wenig oder keinem Material

Eines haben Kinder früher und heute gemeinsam, sie spielen mit Puppen, Teddys oder andern Plüschtieren, sie schieben Autos und lassen die Eisenbahn kreisen und in manchem Kinderzimmer steht sogar ein Kaufladen. Allerdings gab es früher nicht die Vielfalt und Menge wie heute, jedes Kind hatte ein oder zwei Puppen und Teddys, eine Wäscheleine durchs Kinderzimmer, an die die Plüschtiere geklemmt werden, war nicht nötig. Doch die Rollenspiele waren durchaus ähnlich.
In den meisten Familien gab es außerdem eine Spielesammlung mit Würfel, Spielfiguren und Damesteinen und verschiedenen Spielplänen, die oft sehr gebraucht aussahen. Der Würfel war besonders wichtig, er konnte vielfältig auch in eigene Spiele eingebunden werden. In ein Streichholzspiel zum Beispiel, denn Streichhölzer fanden sich in jeder Familie.

Alle Vögel fliegen hoch
Dieses Spiel ist ein Beispiel dafür, dass ein Spiel nicht mehr braucht als ein paar Worte. Alle Spieler sitzen um einen Tisch und trommeln mit den Zeigefingern auf die Tischkante. Reihum darf jeder Spielleiter sein. Der Spielleiter ruft: „Alle …. fliegen hoch.“ Er darf ein Tier wählen. Es darf aber auch ein Tier sein, das gar nicht fliegen kann. Denn jetzt kommt das Entscheidende an diesem Spiel. Nennt der Spielleiter den Namen eines Tieres, das fliegen kann, müssen alle bei „hoch“ ihre Hände in die Luft strecken. Wird ein Tier genannt, das nicht fliegen kann, wird weitergetrommelt. Weitere Spieleklassiker, bei denen ebenfalls nur die Sprache benötigt wird, sind „Ich packe meinen Koffer“, „Ich sehe was, was du nicht siehst.“ oder „Stille Post“.

Mein Hut der hat drei Ecken
Bei dem Spiel „Mein Hut der hat drei Ecken“ wird nicht nur gesprochen, sondern auch gesungen und zu jedem Wort wird eine passende Bewegung gemacht. Wenn Sie die Melodie nicht kennen, können Sie die Verse auch sprechen. Der Text lautet:
Mein Hut, der hat drei Ecken, drei Ecken hat mein Hut.
Und hätt‘ er nicht drei Ecken, so wär es nicht mein Hut.
Mein - mit dem Finger zu sich zeigen
Hut - mit beiden Händen einen Hut auf dem Kopf andeuten
hat - Hände zusammenklatschen
drei - drei Finger hochhalten
Ecken - mit den flachen Händen ein Dach formen
nicht - den Zeigefinger in der Luft schütteln
Bei „hätt er“ und „so wär es“ können die Spieler entspannen oder folgende Bewegungen machen:
hätt und wär - die Hände in der Luft drehen
er und es - auf den Kopf zeigen
so - den Zeigefinger auf einen anderen Spieler richten
Wer mag, erfindet Variationen zum Text wie „Mein Fahrrad hat zwei Räder“ oder „Mein Hund, der hat vier Beine“ …

Schweinchen würfeln
Für das Spiel „Schweinchen würfeln“ benötigen Sie mindestens 16 Streichhölzer oder Zahnstocher sowie Spielchips, Nüsse, Naschereien o. ä. Legen Sie aus den Streichhölzern ein Schweinchen und legen Sie in jedes Feld eine Belohnung. Schon ist die Spielvorbereitung fertig. Nun wird reihum gewürfelt. Wer eine 6 würfelt, darf ein Streichholz wegnehmen und wer ein geschlossenes Feld öffnet, bekommt den Inhalt. Das ist schon das ganze Spielprinzip.

Schweinchen auf der Leiter
Das Spiel „Schweinchen auf der Leiter“ entspricht dem, was wir heute als Fadenspiele kennen. Benötigt wird ein ca. 50 cm langes Stück Wolle. Die Enden werden verknotet. Der eine Spieler wickelt das Band um die beiden Hände und spannt es. Der andere Spieler nimmt das Band ab, indem er seine Hände zwischen die Bänder schiebt. Wenn Sie das Prinzip nicht mehr kennen, finden Sie im Internet Videoanregungen und vermutlich können Ihnen Oma, Opa oder die älteren Nachbarn zeigen, wie es geht.

Spiele mit Stift und Papier
Erinnern Sie sich, wann Sie das letzte Mal „Stadt, Land, Fluss“ gespielt haben? Das ist so ein Spiel, das sich durch Generationen gerettet hat. Heute ist es sogar vorgefertigt als Block zu haben. Eher aus der Mode gekommen ist „Schiffe versenken“, weil das Spielthema nicht mehr unserer Zeit entspricht. Aber das Prinzip ist weiterhin toll und so können Sie ja statt gegnerische Schiffe zu versenken, Schatzkisten finden. Einfach für jeden der beiden Spieler auf kariertes Papier zwei 10 x 10 cm große Felder festlegen. In das eine die eigenen Schatzkisten einzeichnen und in das andere die des Mitspielers.
Das einfachste Spiel mit Stift und Papier ist aber „Käsekiste“. Dazu benötigen Sie nur kariertes Papier und zwei verschiedenfarbige Stifte. Auf dem Papier wird das Spielfeld festgelegt und nun darf abwechselnd jeder die Kantenlänge eines der kleinen Quadrate mit seiner Farbe nachziehen. Wer es schafft, die letzte Kante an einem Quadrat zu schließen, malt dieses in seiner Farbe aus. Ziel ist, möglichst viele fertige Quadrate zu sammeln.
Ähnlich einfach ist Tic Tac Toe, das Sie vielleicht als „Vier gewinnt“-Variante kennen. Bei Tic Tac Toe ist das Spielfeld auf 3 x 3 Quadrate begrenzt. Jeder Spieler wählt ein Symbol. Abwechselnd zeichnet jeder Spieler ein Symbol in ein Feld. Ziel ist, als erster drei Symbole in einer waagerechten, senkrechten oder diagonalen Reihe zu haben.

3. Kreis- und Straßenspiele

Verstecken und Fangen, Seilspringen und Gummitwist, Ballspiele und Hüpfkästchen sind Spiele, bei denen sich die Generationen souverän austauschen können. Ob das Verstecken oder Räuber und Gendarm heißt, wie der Beginner ausgezählt wird und ob das Hüpfkästchen einen Himmel hat oder Hinkelkästchen genannt wird, darüber lassen sich lange Gespräche führen. Interessant wird es dann aber, wenn Opa oder Oma vom Dilldopp sprechen oder erzählen, dass sie einen Reifen mit einem Stock durchs Dorf getrieben haben.

Kreisel oder Reifen treiben
Für Kinder in den 50er Jahren war es noch gang und gäbe, auf der Straße einen Kreisel sirren zu lassen. Das spitze Holzteil, das auch den Namen Dilldopp trug, wurde mit einer Art Peitsche angetrieben. Wer weiß, vielleicht findet sich das Zubehör noch in einem Keller. Ohne Peitsche, dafür mit Stock wurde ein Rad angetrieben und die Straße hinunter gerollt. Das lässt sich mit einem Hula Hoop-Reifen und einem Stab leicht im Hinterhof ausprobieren.

Laurentia und andere Kreisspiele
Dort, wo sich viele Kinder trafen, war es nicht ungewöhnlich, einen Kreis zu bilden und sich im Kreis zu bewegen. Ob das zu Liedergeschichten war wie „Dornröschen war ein schönes Kind“ oder „Der Plumpsack geht um“, „Häschen in der Grube“ oder „Taler, Taler, du musst wandern“. Die Kinder sangen und bewegten sich nach einem bestimmten Muster. In Kindergärten und manchmal auch in Städten werden diese Bräuche heute wiederbelebt, da sie Spaß machen und die Bewegungs- und Konzentrationsfähigkeit von Kindern fördern.
An dem Kreisspiel „Laurentia“ wird schön deutlich, wie solche Spiele ganz nebenbei Weltwissen vermitteln. Hier bilden die Spieler einen Kreis und fassen sich an den Händen. Sie gehen im Kreis und singen:
Laurentia, liebe Laurentia mein, wann wollen wir wieder beisammen sein?
Am xxxx-Tag!
Ach wenn es doch wieder xxx-Tag, xxx-Tag … wär'
und ich bei meiner Laurentia wär', Laurentia!
Bei dem Wochentag bleiben die Kinder stehen und gehen in die Hocke.
In der zweiten Runde, wird der Wochentag ausgetauscht. Allerdings nur an der ersten Liedstelle, bei der zweiten Liedstelle werden alle Wochentage hintereinander gesungen und jedes Mal gehen die Spieler in die Hocke bis es in der letzten Runde heißt: Ach wenn es doch wieder Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag wär.
Das Spiel ist auf jeden Fall für Jung und Alt eine Herausforderung.

Fischer, wie tief ist das Wasser
Das Spiel „Fischer, wie tief ist das Wasser“ ist letztlich ein Wettbewerbsspiel, bei dem die Spieler aber nur wenig Einfluss auf das Ergebnis haben. Im Vordergrund steht der Spaß, sich auf unterschiedliche Weise fortzubewegen.
Der Fischer steht an der einen Seite der Wiese und diejenigen, die über das Wasser wollen, an der anderen Seite.
Einer der Spieler ruft: „Fischer, wie tief ist das Wasser“ und der Fischer antwortet mit einer Zahl und einer Art der Fortbewegung, zum Beispiel: „4 Gänsefüßchen“. Dann darf jeder vier Schritte vorwärts gehen, allerdings nur Hacke an Spitze und nicht in Riesenschritten. Das Spiel ist aus, wenn der erste den Fischer erreicht hat.

4. Literatur & Links zum Weiterlesen

Literatur
  • Inge Friedl: Alte Kinderspiele - einst und jetzt. 2015
  • Theo Götz/Margret Merzenich: Alte Kinderspiele wieder entdeckt. 2011
  • Kinderspiele aus der guten alten Zeit. 2013
  • Helga Langosch-Fabri: Alte Kinderspiele neu entdecken. 1995
  • Martin Stiefenhofer: Schöne alte Kinderspiele. 2010
  • Johanna Woll: Alte Kinderspiele. Ulmer 1998

Links

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