Über den Autor/die Autorin

Hildegard Dierks

Hildegard Dierks hat ihr Lehramtsstudium in den Fächern Englisch und Pädagogik für die Sekundarstufen I und II absolviert und an der Universität Bielefeld das Magisterstudium mit dem Schwerpunkt Computerlinguistik abgeschlossen. Sie arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin für verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestütztes Lernen aber auch schulpolitische Themen. Seit einigen Jahren ist sie begeisterte Anhängerin des sog. E-Learnings einer internetgestützten, zeitlich flexiblen Form des Studiums und der beruflichen Weiterbildung. Neben Lehrheften lernt man beim E-Learning auch in betreuten Chats und Webinaren. Frau Dierks lebt mit ihrer Familie in Ostwestfalen. In ihrer Freizeit hört sie gern Hörbücher und spielt Akkordeon.

Handschrift – Schnee von gestern?

von Hildegard Dierks



In der Grundschule lernen Kinder mit der Hand zu schreiben. Schon kurz nach dem Einschulungstag geht es los. Mit dem Stift in der Hand und voller Konzentration zeichnen Kinder Linien nach und schreiben stolz ihre ersten Buchstaben. Das ist für die meisten Kinder kein Problem, sondern ein Spaß. Sie machen schnell Fortschritte. Wird das so bleiben? Schule und Unterricht stehen vor einer digitalen Veränderung.

Grundschrift und Co.

In der Grundschule lernen wir unsere Handschrift. Das heißt, dass wir Buchstaben in ihrer Form kennenlernen, sie dann miteinander verbinden und diese zu Wörtern zusammensetzen, die eine Bedeutung haben. Die Kinder beginnen in der Regel damit, dass sie Druckbuchstaben schreiben. Danach lernen sie traditionell eine gebundene Schreibschrift, beispielsweise die Vereinfachte Ausgangsschrift. Daraus entwickelt sich schließlich eine persönliche Handschrift.
Im Jahr 2011 wurde eine sog. Grundschrift für Grundschulkinder entwickelt. Dabei handelt es sich ebenfalls um eine Druckschrift, die als Orientierungshilfe für eine spätere persönliche Handschrift für Kinder verstanden wird. Sie soll es Kindern leichter machen, schreiben zu lernen.
Die Initiative dazu kam vom Grundschulverband. Die EntwicklerInnen sind der Ansicht, dass die Druckbuchstaben dieser Grundschrift, die im Unterricht erarbeitet und geübt werden, von den Kindern später selbstständig verbunden werden können aber nicht verbunden werden müssen. So könne sich im Laufe der Zeit eine gebundene, persönliche Handschrift entwickeln. Nach dem Erwerb dieser Grundschrift müsse es entsprechend auch keine ausdrückliche Phase geben, in der – wie traditionell üblich - eine zusätzliche separate gebundene Schrift eingeübt werde.
Schulen haben im Schulalltag die Wahl, welche Schrift sie unterrichten. Die Grundschrift hat sich nicht durchgesetzt. Bei konsequenter Anwendung durch kompetente DidaktikerInnen zeige sie jedoch gute Erfolge, so ihre Befürworter(innen). Kritisiert wird an der Didaktik der Grundschrift vor allem, dass man das Kind allein lasse mit der Verbindung der Buchstaben. Das führe in vielen Fällen faktisch zur Abschaffung der gebundenen Handschrift, weil viele Kinder diese Weiterentwicklung nicht machen.

Was sind Kriterien für eine leserliche Handschrift?

Die einen halten die Entwicklung und Förderung einer individuellen Handschrift für unabdingbar, andere sind der Meinung, dass es reiche Druckbuchstaben schreiben zu können. Die Forschungslage zu dieser Problematik lässt keinen eindeutigen Schluss zu.
Vermutlich führen wie so oft viele Wege zum Ziel. Leserlich soll eine Handschrift allerdings in jedem Fall sein. Immer noch werden die meisten Klausuren an den Universitäten und in der Schule handschriftlich angefertigt.
Ist eine Handschrift nicht eindeutig oder gar unleserlich, führt das verständlicherweise zu Punkabzug. In wichtigen Examenssituationen kann das ärgerlich werden.

Was sind Kriterien für eine leserliche Handschrift? Man achtet darauf, dass
  • die Buchstaben in der vorgesehenen Lineatur geschrieben werden
  • eine einheitliche Schreibrichtung eingehalten wird
  • das Schriftbild gleichmäßig wirkt
  • Buchstaben auch im Detail deutlich und formrichtig geschrieben werden
Wie immer ist es so, dass am Anfang alles sozusagen nach Vorschrift gelernt wird. Kleine Abweichungen im späteren Leben sind normal, solange das Geschriebene noch lesbar ist.

Handschrift und Linkshändigkeit

Zum Glück haben wir dazu gelernt. Wir wollen linkshändige Kinder nicht mehr umerziehen. Dennoch ist unsere Welt an Rechtshändigkeit ausgerichtet. Das macht es manchen linkshändigen Kindern anfangs schwerer, eine Handschrift zu lernen. Linkshändige Kinder positionieren ihre Schreibunterlage anders, benötigen manchmal andere Stifte als rechtshändige Kinder. Gelegentlich sind linkshändige Kinder irritiert, wenn sie andere Kinder beim Schreiben sehen. Sie folgen dann nicht immer ihrer Intuition, sondern kopieren ihre rechtshändigen Mitschülerinnen und Mitschüler.
Die meisten Eltern und Lehrer wissen jedoch, was zu tun ist, wenn ein linkshändiges Kind handschriftlich schreiben lernt.
Es gibt Schreibunterlagen für linkshändige Kinder oder spezielle Stifte. Eine spezielle Stifthaltung kann ebenfalls helfen, das Schreiben mit der linken Hand zu erleichtern. Es sind nur einige, wichtige Kleinigkeiten, die Probleme aus der Welt schaffen können. Beispielweise ist es vorteilhaft, wenn linkshändige Kinder im Unterricht links an einem Zweiertisch neben einem rechtshändigen Kind sitzt, damit sich die Kinder beim Schreiben nicht in die Quere kommen.
Informationen, ein Materialangebot sowie ein Video zur Linkshändigkeit sind auf Website www.lafueliki.de zu finden.

Handschrift: Emotionen und Verantwortung

In bestimmten Situationen kommt es auf etwas Persönliches an. Und zwar meistens dann, wenn es um die wirklich großen Emotionen geht.
Wir können davon ausgehen, dass ein Liebesbrief, der mit der Hand geschrieben wurde, nicht noch an zwanzig andere in dieser Weise verschickt wurde. Verliebte Worte darin, vielleicht verziert mit einem Herzen, verfehlen ihre Wirkung sicher nicht. „Ich liebe Dich.“ mit dem Finger in den Sand am Meeresstrand geschrieben, lassen unser Herz höherschlagen. Schreiben wir „Schatz“ auf den Arm eines geliebten Menschen, kann dieser Mensch das Wort fast immer „lesen“ ohne hinzusehen. Eine Ansichtskarte aus dem Urlaub ist retro, aber trotzdem schön.

Kondolenzbriefe enthalten mit der Hand geschriebene Zeilen.

Wenn wir über unsere handschriftliche Unterschrift nachdenken, ist sie nicht nur persönlich, sondern mit ihr übernehmen wir auch Verantwortung in Verträgen oder bei einer Bewerbung.
Wenn Eltern eine Klassenarbeit, die mit „mangelhaft“ bewertet wurde oder sonstige Lehrermitteilungen unterschreiben, drücken sie damit aus, dass sie etwas Wichtiges, was ihr Kind betrifft, zur Kenntnis genommen haben.

Kalligrafie – Künstlerische Handschrift

Im Jahr 2018 präsentierte sich auf der Frankfurter Buchmesse das kleine Land Georgien mit seinen Autorinnen und Autoren, seiner Kultur und vor allem mit seinen eigenen Buchstaben.
Nur wenige Menschen in Europa kennen das georgische Alphabet. Aber die Buchstaben sehen schön aus mit ihren Schwingungen und Linien. Menschen bemerken insbesondere bei fremden Sprachen die Schönheit der Buchstaben ihres Alphabets.
Auch mit den Buchstaben unseres Alphabets können wir künstlerisch umgehen.
Das geschieht in der Kalligrafie. In der Kalligrafie experimentieren wir künstlerisch mit unserer Schrift. Dadurch wird die Schrift lebendig. In der Kalligrafie schreiben und malen wir unsere Buchstaben. Wir nutzen dazu spezielle Stifte. Diese ziehen oder schieben wir mit unterschiedlichem Druck. Unsere Werke schreiben wir auf hochwertiges Papier.

Kommentar: Handschrift und digitale Texte ergänzen sich

Fast niemand möchte ernsthaft die Handschrift vollständig abschaffen. Sie wird weiterhin als wesentliche Kulturtechnik angesehen. Sie ist ein Handwerk im wahrsten Sinne des Wortes. Mit der Hand zu schreiben, befördert die geistige und feinmotorische Entwicklung unserer Kinder. Kinder lernen beim handschriftlichen Schreiben das Auge und ihre Hand zu koordinieren. Der Lernstoff prägt sich durch das Schreiben mit der Hand gut ein.
Wie jemand eine persönliche Handschrift entwickeln kann, ist umstritten. Vermutlich sind die Wege zur individuellen Handschrift so persönlich wie unsere Handschrift selbst. Wir können Kindern im Unterricht Hilfen anbieten.
Im Laufe des Lebens nimmt die Bedeutung der Handschrift in unserer digitalisierten Welt quantitativ ab. Das ist so. Unsere Stifte sind verlegt und eingetrocknet, wenn wir sie gelegentlich benutzen wollen. Dennoch bleibt die Handschrift qualitativ sehr wichtig. Wir brauchen für die Handschrift keinen Strom, sondern nur Stift und Papier. Erstaunlicherweise erscheint eine „digitalisierte Handschrift“ sogar an manchen Stellen unerwartet auf unseren Computern wieder. So können wir im Textverarbeitungsprogramm beispielsweise eine Schreibschrift auswählen. Das wäre nicht nötig, wenn diese Schrift uns nichts bedeutete. Auf dem Tablet haben wir die Möglichkeit mit einem digitalen Schreibstift, etwas mit der Hand zu schreiben.
Auf welchem Wege wir auch immer eine persönliche Handschrift entwickeln, wir brauchen Zeit und Übung dafür. Einmal ausgebildet, steht sie uns jedoch fast ein Leben lang zur Verfügung. Manches verlernt man eben nicht. Das ist wirklich beruhigend.

Linktipps:

Elternanregungen zur Förderung der Schreibmotorik ihrer Kinder

Interview im WDR mit einer Graphologin zur Bedeutung der Handschrift

Informationen und Materialien zu Kalligrafie vom Verlag Faber Castell

Buchtipps:

Barnitzky H., U. Hecker et. al. Grundschrift Kinder entwickeln ihre Handschrift 2016 1. Auflage Grundschulverband – Arbeitskreis Grundschule

Kaergel J. Schreib Mal! Coole Schriften und Buchstabensalat Prestel Verlag 2013

Schulze Brüning M.-A. und St. Clauss Wer nicht schreibt, bleibt dumm: Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen. Piper Verlag 2017

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