Über den Autor/die Autorin

Christine  Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

Vom Opfer zum Täter - Mobbing ist kein Kavaliersdelikt!

von Christine Kammerer



© Slonov - iStockphoto.com
Beim Mobbing gibt es einen Täter und ein Opfer. Das ist die weit verbreitete Meinung und meist erscheint es auf den ersten Blick auch so, als ob sich beide Rollen klar identifizieren lassen. Doch meist ist der Verursacher einer Mobbing-Situation auch selbst ein Opfer und oft wird überhaupt erst dadurch zum Mobber. So werden aus Opfern Täter. Deswegen lohnt es sich bei Mobbing-Delikten ganz genau hinzusehen: Welche Motive stehen hinter der Tat? Inwieweit hat das Opfer selbst Anteil an der misslichen Lage? Nicht selten führt diese Analyse trotz intensiver Bemühungen in die Leere. Dann erweist es sich als notwendig, Gewalt – ob verbal oder körperlich – sofort an Ort und Stelle zu unterbinden und die zugrunde liegenden Konflikte mit Unterstützung von professioneller Hilfe zu klären und zu lösen.

Mobbing an der Schule

Kinder und Jugendliche, die sich gegenseitig anpöbeln, abwerten, miteinander streiten und rangeln gehören zum Schulalltag. Problematisch wird es dann, wenn einzelne Schüler herausgegriffen und systematisch über einen längeren Zeitraum hinweg drangsaliert werden. Dann kann es sich um Mobbing handeln, das im schulischen Kontext oft auch synonym als „Bullying“ bezeichnet wird. Die Schikanen treffen häufig Kinder und Jugendliche, die eher passiv sind, schwächer und ängstlicher erscheinen oder aber solche, die andere durch bestimmte Eigenschaften oder ihr Verhalten provozieren. Mobbing kann direkt durch körperliche oder verbale Attacken oder indirekt durch soziale Isolierung erfolgen. In beiden Fällen ist der Leidensdruck für die Betroffenen hoch und die Situation muss in jedem Falle ernst genommen werden, denn die Folgen können bis hin zur Schulverweigerung oder sogar zum Suizid reichen. Dennoch fällt eine klare Analyse der Situation häufig schwer. Hier kommt es meist schnell zu Schuldzuweisungen, die keinem der Beteiligten und auch dem zugrunde liegenden Konflikt selbst nicht gerecht werden.

Mobbing – schwierige Ursachenforschung

Jugendliche, die gemobbt werden, sehen sich selbst als Opfer und werden oft auch von anderen für die Erniedrigungen und Beleidigungen, die sie erdulden müssen, bemitleidet. Vielfach erleiden sie solche Attacken tatsächlich ohne eigenes Zutun, doch so ganz unschuldig sind sie oft auch selbst nicht daran – vor allem in den Augen ihrer Mitschüler. Das ergab eine schwedische Studie der Forscher Robert Thornberg und Sven Knutsen von der Linköping-Universität. Befragt wurden insgesamt 176 Gymnasiasten, die zu diesem Zeitpunkt 15 und 16 Jahre alt waren. Während also Schulforscher Wolfgang Melzer von der TU Dresden Mobbing in der Schule nicht auf bestimmte Täter- oder Opferpersönlichkeiten zurückführt, sondern auf das Schulklima, sehen die Teenager das vollkommen anders: Die Gründe für Mobbing liegen aus ihrer Sicht eher in der Person oder in den persönlichen Eigenheiten und Verhaltensweisen des Opfers und nicht so sehr im sozialen Umfeld. Während die Clique noch mit immerhin 21 Prozent als möglicher Verursacher genannt wird und die Schule mit sieben Prozent, ist die Gesellschaft für sie praktisch nicht mehr relevant. Mädchen suchten die „Schuld“ eher beim Verursacher als beim Opfer. Der Begriff der Schuld ist hier ganz bewusst mit Anführungszeichen versehen, denn an der unterschiedlichen Sicht der Dinge lässt sich leicht festmachen, wie schwer es ist, die Schuldfrage wirklich zweifelsfrei zu klären.

Vom Opfer zum Täter

69 Prozent der Jugendlichen, die im Rahmen der schwedischen Studie befragt wurden, machten im Rahmen dieser Untersuchung das Opfer selbst für die Mobbing-Situation verantwortlich. Das Risiko ist nach ihrer Auffassung besonders dann hoch, wenn das Opfer bestimmte charakterliche Schwächen aufweist. Zu den häufigste Mobbing-Auslösern in der Person des Opfers gehören demnach Unsicherheit und mangelndes Selbstbewusstsein, das ausgeprägte Bedürfnis nach Macht, Status und Beliebtheit. Für 42 Prozent der Befragten war das Opfer allerdings auch dann verantwortlich, wenn es Abweichungen von der Norm aufwies, also nach ihrer Auffassung "anders" oder "komisch" war.

Auch dieser Sichtweise muss man bei einer Aufarbeitung von Mobbing-Situationen Rechnung tragen. Denn wie Psychotherapeuten nahe legen, kann das Verhalten der Opfer durchaus provozierend sein, auch ohne dass diese sich darüber bewusst sind. Das ist insbesondere auch dann der Fall, wenn es von verdeckter Aggression geprägt ist. Und spätestens dann kehrt sich die Täter-Opfer-Hierarchie um, denn der passiv-aggressive Verursacher präsentiert sich selbst gerne in der Opfer-Rolle. Insofern wäre es generell besser, angesichts von Mobbing nicht von „Tätern“ oder „Opfern“ zu sprechen, sondern ganz neutral von Verursachern.

Prävention und Intervention bei Mobbing

Generell lohnt es sich, Schüler im Auge zu behalten, die in der Klasse nicht ausreichend integriert sind. Meist ist dies auf ganz bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zurückzuführen, die zur (Selbst-)Ausgrenzung führen. Diese Schüler genießen nicht den Schutz und die Solidarität der Klasse und geraten dadurch leichter in eine Opferrolle. Sie erfüllen alle Voraussetzungen für den klassischen Mobbing-Kontext.

Erwachsene, die Zeugen von Mobbing-Vorfällen werden, sollten unmittelbar intervenieren, indem sie Stellung beziehen und ein klares Stopp-Signal setzen. Sie sollten in der akuten Situation nicht das Thema Mobbing abstrakt diskutieren, sondern sich klar auf die inakzeptablen Aktionen wie Beleidigen oder Erniedrigen beziehen und diesen sofort ein Ende setzen. Hier darf also durchaus eine autoritäre Intervention durch verbale Zurechtweisungen stattfinden. Je nach Situation kann es anschließend notwendig sein, Gespräche mit den Betroffenen führen. Dann können auch eigens dafür ausgebildete Fachkräfte wie Schulpsychologen oder Mediatoren zum Einsatz kommen, die mit Opfer und Täter, der Klasse, den Eltern, Lehrern etc. sprechen. Letztlich geht es dabei oft gar nicht so sehr darum, die Schuldfrage wirklich abschließend zu klären, sondern den Konflikt auf eine für alle Beteiligten befriedigende Weise aus der Welt zu schaffen.

Links

Bullying (Definition, Stangl, 2018)

Was ist Mobbing? (Arbeitsblatt)

Mobbing - Ein Film von Claudia Fröhlich

Bedroht, beschimpft und bloßgestellt: Was tun gegen Mobbing im Internet?

Gewalttätige und aggressive Schüler: Mobbing-Typologie und pädagogische Handlungsmöglichkeiten

Die Opfer sind auch Täter

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