Über den Autor/die Autorin

Christine  Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

Respekt – Wo hört Toleranz auf?

von Christine Kammerer



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Wir leben in einer sehr freien Gesellschaft. Die Möglichkeiten, aus denen jeder einzelne wählen kann, sind immens. Er kann seine eigene Lebensform entfalten, ganz gleich ob es sich um die Berufswahl, die Religionsfreiheit, um die freie Meinungsäußerung oder andere persönliche Vorlieben handelt. So viel Freiheit führt zu einer starken Differenzierung und zu einer großen Vielfalt. Die Menschen in einer freien Gesellschaft können nur dann in Frieden zusammen leben, wenn es gleichzeitig ein hohes Maß an Toleranz gegenüber anderen Lebensformen gibt und jeder die individuellen Besonderheiten des anderen respektiert. Andererseits muss diese Toleranz auch ihre Grenzen haben, um nicht wahllos ins Beliebige auszuufern: Es kann nicht bedeuten, dass wir blind werden für Strukturen, die Intoleranz fördern.

Was Toleranz bedeutet und was nicht...

Die UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur verpflichtet sich in ihrer Erklärung aus dem Jahr 1995 zur Förderung von Toleranz und Gewaltlosigkeit und erläutert dabei sehr genau, was sie darunter versteht. Gemäß Definition der UNESCO bedeutet Toleranz vor allem „Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt. (…) Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist nicht nur moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche Notwendigkeit.“

Durch Toleranz werde Frieden erst möglich, denn Toleranz (…) trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden.“ In der Deklaration ist auch festgeschrieben, was Toleranz nicht ist, nämlich „Nachgeben, Herablassung oder Nachsicht.“ Diese Passage macht klar, dass die Definition der UNESCO eher einen Anspruch und ein hehres Ideal als eine Realität beschreibt. Toleranz, so der Wortlaut der Erklärung, sei nämlich vor allem eine „aktive Einstellung“. Doch das widerspricht der allgemein gängigen Definition des Begriffes.

Respekt und Toleranz – eine Abgrenzung der Begriffe

Wir verwenden die Begriffe „Toleranz“ und „Respekt“ häufig gleichbedeutend, zum Beispiel wenn es um die Rechte von Minderheiten geht. Doch ist hier der Begriff „Toleranz“ wirklich angebracht bzw. wäre es nicht korrekter, von „Respekt“ zu sprechen? Die Bedeutung dessen, was damit inhaltlich ausgedrückt wird, ist nämlich tatsächlich eine ganz andere.

Das Wort „Toleranz“ stammt vom lateinischen Begriff „tolerare“ und das heißt „erdulden“ oder „ertragen“. Toleranz zeigt damit die Bereitschaft an, andere Meinungen, Einstellungen und Lebensformen zu dulden, obwohl sie nicht unseren eigenen entsprechen. Respekt geht weit darüber hinaus: Respekt ist eine Form der Wertschätzung. Es ist dabei nicht zwingend, dass man die Einstellung des anderen teilt. Man kann auch Respekt erweisen, zum Beispiel gegenüber
  • Autoritäten (Eltern, Lehrer, Polizei etc.),
  • dem Ansehen einer Person aufgrund von Stellung oder Prestige,
  • Religionen, religiösen Symbolen oder Würdenträgern,
  • den Gefühlen und Bedürfnissen anderer,
  • Leistungen oder Bemühungen anderer.
Respekt geht damit sogar noch über die reine Akzeptanz hinaus. Akzeptanz drückt zwar auch ein eher zustimmendes Werturteil aus, ist aber neutraler und weniger stark als das positiv besetzte Wort „Respekt“. Wir nehmen den anderen Menschen und seine Eigenheiten hin, heißen sein Verhalten sogar gut. Akzeptanz und Respekt beruhen auf Freiwilligkeit und haben eine aktive Komponente. Im Gegensatz zur Toleranz, denn die Duldung ist passiv. Die Haltung dahinter kann auch widerstrebend sein und auf Ablehnung beruhen.

Zwischen Toleranz und Gleichgültigkeit

Toleranz ist nichts weniger als die Grundlage des Zusammenlebens in einer Gesellschaft. Auch wenn Menschen in manchen Punkten vollkommen unterschiedliche und sogar sehr gegensätzliche Auffassungen vertreten, haben wir uns auf eine Formel von „Leben und leben lassen“ geeinigt. Andernfalls würden wir uns gegenseitig in destruktiven Konflikten aufreiben. Wir mögen zwar mit vielem nicht einverstanden sein, fügen uns aber und ertragen den Zustand, ohne dagegen anzukämpfen.

Anders verhält es sich jedoch in Situationen, wo unser Engagement durchaus gefragt ist – wenn wir zum Beispiel Gewalt gegen Kinder erleben oder Aggression gegen andere Menschen. Man sagt der Generation Mainstream nach, sie sei tolerant bis zur Überanpassung. Angesichts dessen muss man sich zu Recht fragen: Wie viel Gleichgültigkeit schwingt da mit? Lassen wir die anderen anders sein, nur um uns nicht mit deren Andersartigkeit auseinander setzen zu müssen? Sind wir überfordert mit den vielen Facetten des menschlichen Lebens, die uns täglich begegnen?

Grenzen der Toleranz

Die Grenzen der Toleranz in einer Gesellschaft sind immer auch durch die Normen bestimmt, auf die sie sich mehrheitlich geeinigt hat. Geraten diese Normen in Gefahr, so gelangt auch die Toleranz für Einstellungen und Verhaltensweisen derer, die sie gefährden an ihre Grenzen. Toleranz muss also unter anderem dort aufhören, wo
  • Freiheiten eingeschränkt oder andere in ihren Rechten verletzt werden
  • anderen Schaden zugefügt wird,
  • Intoleranz und Gewalt beginnen.
Wir sind uns wohl innerhalb der deutschen Gesellschaft weitgehend darüber einig, dass Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus nicht zu tolerieren sind.

Erziehung zur Toleranz

„Bildung ist das wirksamste Mittel gegen Intoleranz. (…) Erziehung zur Toleranz“ gehört daher nach Auffassung der UNESCO „zu den vordringlichsten Bildungszielen.“ Bildung muss eine Perspektive vermitteln, die neugierig auf das Innenleben „fremder“ oder „andersartiger“ Menschen macht. Nur Wissen kann helfen, das Fremde und Andersartige vertraut zu machen. Man kann es verstehen lernen, indem man es integriert – in sich selbst und in die Gesellschaft. Doch um seine Beweggründe und Verhaltensweisen zu verstehen, muss man sich ihm annähern und es kennen lernen. Toleranz basiert auf Vernunft und sollte immer auf Gegenseitigkeit beruhen: Wer Respekt und Toleranz einfordert, muss auch Toleranz üben und andere respektieren können.

Links

UNESCO: Erklärungen von Prinzipien der Toleranz, 1995

Akzeptanz vs. Toleranz – Bedeutet Toleranz eigentlich „Ausgrenzung“?

Deutschlands Jugend ist tolerant und auf Kuschelkurs

SINUS-Jugendstudie "Wie ticken Jugendliche 2016?"

Wo hört für dich Toleranz auf?

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