Über den Autor/die Autorin

Ulrike Lindner

Ulrike Lindner hat Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Hochschule der Künste, Berlin, studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin, Werbetexterin und Moderatorin und lebt mit Mann und zwei Kindern in Wolfenbüttel.

Alle machen Work and Travel – mein Kind auch?

von Ulrike Lindner



© Maygutyak - Fotolia.com
Laura hat ihr Flugticket schon in der Tasche, Malte plant den Trip nach Neuseeland mit seinem Kumpel Nils und Lisa überlegt noch, ob sie Work and Travel macht oder doch lieber ein soziales Jahr. Von Sylt bis Rosenheim denken vor allem Abiturienten derzeit darüber nach, wie sie das Jahr nach dem Schulabschluss gestalten.

Wer früh fertig wird, macht oft ein Jahr Pause

Vor allem bei den „G8-ern“, die als letzte Jahrgänge bereits nach zwölf Jahren mit gerade einmal 18 Jahren das Abitur erhalten, ist der Gedanke an ein Zwischenjahr populär. Aber auch, wenn für den Wunschstudiengang ein oder zwei Wartesemester zu überbrücken sind, die Ausbildung abgeschlossen oder das Diplom endlich gemacht ist, wächst bei vielen die Sehnsucht nach dem Ausland. Ob Gäste betreuen in Bolivien, Seehunde pflegen in Südafrika, den Gemüsegarten in Norwegen wässern, im Summer Camp in England als Betreuer arbeiten, im Vergnügungspark in Neuseeland Tickets für die Geisterbahn verkaufen oder ein Jahr lang durch die beliebtesten Backpacker-Destinationen Australien, Neuseeland und Kanada reisen – noch steht alles offen. Bevor Studium oder Ausbildung mit Terminen, Klausuren, Prüfungen und vor allem festen Anwesenheits- oder Arbeitszeiten beginnen, wollen viele noch einmal die Welt kennen lernen, reisen, neue Leute und andere Länder erleben und sich endlich einmal fern von zuhause selbst ausprobieren.

Das macht nicht nur aus dem Augenblick heraus Sinn. Auch bei vielen zukünftigen Arbeitgebern ist Work and Travel als Station im Lebenslauf durchaus gern gesehen. Ein längerer Arbeitsaufenthalt im Ausland
  • verbessert die Sprachkenntnisse enorm,
  • fördert wichtige Soft-Skills wie Durchhaltevermögen, Weltoffenheit, Toleranz und Flexibilität,
  • erweitert den persönlichen Horizont,
  • vermittelt länderspezifisches Know-How und interkulturelles Wissen
  • fordert Organisationstalent und Kommunikationsfähigkeit.

Besonders beliebt: Australien

Möglich ist ein Arbeitsaufenthalt in vielen Ländern, jedoch längst nicht überall. Spezielle Arbeitsvisa für junge Leute bieten aktuell die Länder Australien, Neuseeland, Kanada, Japan, Chile, Südkorea, Taiwan, Singapur, Hongkong, Israel und Argentinien an. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich Australien, Neuseeland und Kanada. Aus gutem Grund: Die Länder sind sicher, ihre Kultur unterscheidet sich nur wenig von der deutschen, die Infrastruktur ist gut ausgebaut und Englisch als Landessprache beherrschen die meisten Abiturienten nach spätestens zwei Wochen gut genug, um sich zu verständigen. Auch die Löhne sind attraktiv (obwohl die Lebenshaltungskosten in vielen Bereichen ebenfalls höher als in Deutschland sind). So liegt in Australien der Mindestlohn in der Gastronomie bei 15 bis 16 Dollar pro Stunde, viele verdienen sogar mehr. Vor allem: Es liegt ein entsprechendes Job-Angebot vor, da die Länder auf Work and Travel eingerichtet sind.

Organisation oder nicht?

Rund um Work and Travel ist eine ganze Industrie entstanden. Ganz vorn dabei sind Anbieter, die den Aufenthalt organisieren. Das kann hilfreich sein, ist aber nicht unabdingbar. Agenturen helfen bei der Visums-Beantragung, dem Einrichten eines Bankkontos, der Eingewöhnung an den ersten ein bis zwei Tagen und der Jobsuche. Außerdem sind sie vor Ort Ansprechpartner, wenn Fragen auftauchen, Post entgegen genommen werden muss etc. Eine Job-Garantie oder Rund-um-die-Uhr-Betreuung liefern sie allerdings nicht und alle entsprechenden Informationen lassen sich in den diversen Foren, die inzwischen im Internet existieren, auch selbst recherchieren.

Voraussetzungen für Work and Travel

Neben der persönlichen Motivation und Begeisterung sind einige Voraussetzungen zu erfüllen, wenn Work and Travel eine Option darstellt.

Alter: Für Work and Travel existiert eine Altersbeschränkung, die je nach Land variiert. In der Regel liegt die Grenze bei 30 Jahren, in Kanada bei 35. Das Mindestalter für Work and Travel ist 18 Jahre.

Visum: In der Regel wird ein Work and Travel Visum benötigt, das im Vorfeld zu beantragen ist. In einigen Ländern wie Hongkong, Singapur und Kanada sind diese Visa begrenzt. So standen 2016 für Kanada nur 5.200 Visa zur Verfügung, die im Losverfahren verteilt wurden. Vom 1. Dezember an nimmt die kanadische Botschaft Anträge für ein "Working Holiday" im nächsten Jahr an. Auch die Aufenthaltszeit ist unterschiedlich: In der Regel legt sie bei einem Jahr, doch zum Beispiel in den USA dürfen Gäste nur vier Monate jobben und auch das nur in den Sommermonaten. In Australien kann das Work&Travel-Visum sogar um ein weiteres Jahr verlängert werden (Voraussetzung: Drei Monate Farmarbeit am Stück werden nachgewiesen).

Rücklagen: In vielen Ländern gehört ein Finanzpolster zu den Voraussetzungen für ein Arbeits-Visum. Die Höhe variiert, so sind es in Kanada 2.500 kanadischen Dollar (ca. 1.800 Euro) und in Australien 5.000 australische Dollar (3.500 Euro). Manchmal reicht es auch aus, wenn man vor Antritt des Visums ein bereits das Rückflugticket vorweisen kann. So wollen die Gastgeberländer vermeiden, dass mittellose Rucksacktouristen vor Ort stranden und sicherstellen, dass die Neuankömmlinge für eine bestimmte Anfangszeit auch ohne Job über die Runden kommen.

Versicherung: Für den Auslandsaufenthalt wird eine spezielle Auslandskrankenversicherung benötigt, auch eine private Haftpflicht ist durchaus sinnvoll. Viele Anbieter haben den Bedarf erkannt und bieten spezielle Tarife an.

Empfehlungsschreiben und Lebenslauf: Ein Lebenslauf und evtl. auch Empfehlungsschreiben in der Landessprache öffnen oft Tür und Tor – am besten sollten sie vorbereitet werden und in digitaler Form vorliegen.

Woran erkenne ich, ob Work and Travel das richtige für mein Kind ist?

Die Vorteile von Work and Travel liegen also auf der Hand. Aber nicht für jeden. Wer nur aufbricht, weil die halbe Abiturklasse sich ebenfalls auf den Weg nach Down Under macht, für den ist der Aufenthalt oft schon nach wenigen Wochen vorbei. Das wichtigste Kriterium für die Entscheidung ist vermutlich die Begeisterung des zukünftigen Reisenden. Überlassen Sie daher Ihrem Kind die konkrete Planung und Organisation der Reise. Wer wirklich will, der kümmert sich selbst um Working Holiday Visum, Auslandskrankenversicherung und den Kauf eines Rucksacks. Vor allem: So großartig die Erfahrung für einige sein mag, auch ohne Work and Travel lassen sich wichtige Erfahrungen machen. Letztlich kommt es immer auf den gesamten Lebenslauf und die eigene Persönlichkeit an.

Sind jedoch eigene Motivation, Interesse und Begeisterung vorhanden, stellt Work and Travel eine großartige Erfahrung dar, von der die allermeisten Teilnehmer nur profitieren werden.

Links:
Informationsportale rund um den Auslands-Aufenthalt:
www.initiative-auslandszeit.de
www.auslandszeit.de

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