Über den Autor/die Autorin

Christine  Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

Wie die digitale Filterblase unseren Blick verengt

von Christine Kammerer



© contrastwerkstatt - Fotolia.com
Filterblasen sind etwas sehr Menschliches. Wir bewegen uns tagtäglich und Zeitlebens in solchen abgeschotteten Informationsräumen und tun dies seit Menschengedenken. Filterblasen sind durchaus nützlich, denn sie reduzieren die Informationsflut auf ein erträgliches Minimum und versorgen uns gleichzeitig mit den notwendigen Informationen. Die meisten Menschen bewegen sich dabei in einem ziemlich konformen Informations-Mainstream. Die Mehrheit von ihnen ist sich sogar darüber bewusst, dass sie die Welt durch Scheuklappen betrachtet und ihren Blickwinkel dadurch verengt. Was sich links und rechts vom Mainstream bewegt, vernachlässigen wir, weil es meistens tatsächlich nicht für unser Leben relevant ist. Das Internet allerdings verstärkt diesen Trend in besorgniserregender Weise: Es füttert Menschen, die sich in ihrer eigenen Filterblase eingenistet haben, regelrecht mit Material, das engstirnige und abseitige Weltbilder zu handfesten Realitäten erhebt. Das wird am zunehmenden Erfolg des Populismus in der Welt besonders dramatisch deutlich. Das sollte Eltern, Erzieher und Pädagogen auf den Plan rufen, denn Medienkompetenz ist dringender gefragt, denn je zuvor.

Was genau ist eigentlich eine Filterblase?

Der Begriff der Filterblase wurde geprägt von Eli Pariser. In seinem Buch „Filter Bubble: Wie wir im Internet entmündigt werden“ problematisiert er ein Phänomen, das er selbst beobachtet hatte. Ihm fiel auf, dass nur ein Teil der dort von seinen Freunden geposteten Standpunkte angezeigt wurde. Es handelte sich dabei um jene Informationen, die Pariser im doppelten Sinne „teilte“: Einmal, weil sie gleichzeitig auch seinen eigenen Meinungen entsprachen und zum anderen, indem er sie weiter verbreitete. Der andere Teil der Informationen ging schlichtweg unter, nämlich sämtliche Beiträge mit Standpunkten, die er nicht teilte. Er forschte nach den Ursachen und fand die Antwort in den Facebook Algorithmen. Facebook, Google und Co. sind darauf programmiert, Inhalte anzuzeigen, die für den User relevant sind. Alle anderen werden herausgefiltert und fortan ignoriert. Das führt zu den so genannten Filterblasen. Nutzer sehen folglich nur noch das, was ihre Meinung bestärkt. Abweichende Standpunkte werden gänzlich ausgeblendet.

Personalisierung von Suchergebnissen - Fluch und Segen

Die Personalisierung der Suchergebnisse mag mitunter durchaus von Vorteil sein: Wer immer wieder nach bestimmten Themen wie zum Beispiel einer bestimmten Sportart wie Golf sucht, wird automatisch mit neuen Informationen zu diesem Thema versorgt. Das funktioniert, indem Google und andere Suchmaschinen kontinuierlich sämtliche privaten Suchanfragen und Seitenaufrufe speichern und auswerten. Sie werden mit Informationen wie Alter und Geschlecht des Nutzers kombiniert, die recht einfach ermittelt werden können. Diese Informationen ergeben ein ziemlich präzises Persönlichkeits-Profil. Anhand dieser Daten konfiguriert die Suchmaschine für jeden Nutzer individuelle Ergebnisseiten. Der große Nutzen dieser Algorithmen dient vor allem den Werbetreibenden. Denn die Ergebnisseiten enthalten nicht nur adressatenspezifische Inhalte, sondern vor allem personenbezogene Werbung. Auf diese Weise können Unternehmen mit ihren Anzeigen viel gezielter ihre speziellen Zielgruppen erreichen. Wer diese Art von personalisierter Werbung unterbinden möchte, kann sie jedoch auch abschalten.

Algorithmen verengen den Blickwinkel

Die automatische Vorab-Selektion der Informationen durch Algorithmen hat neben einem fragwürdigen Nutzen für die Anwender jedoch vor allem gravierende Nachteile: Menschen werden auf die Informationen reduziert, nach denen sie suchen. Das betrifft nicht nur die Hobbies und Interessen, sondern auch die ganz persönlichen Standpunkte, zum Beispiel in politischer Hinsicht. Anhand ihrer Aktivitäten im Internet werden sie gewissermaßen isoliert und leben zunehmend in einer Art virtuellem Ghetto. In dieser „Echokammer“ schallt ihnen immer wieder die eigene Meinung wie ein Echo zurück. Das erweckt fast zwangsläufig bei vielen den Anschein, als ob die eigene Meinung der Mehrheitsmeinung entspräche. Sie werden also fortlaufend in ihrer eigenen Sicht der Dinge bestärkt und müssen bzw. können sich nicht mehr mit anderen Standpunkten auseinandersetzen.

Populismus - in der Filterblase gefangen

Facebook versprach einst, die Welt demokratischer zu machen, doch der Politikwissenschaftler Richard Heydarian stellt fest: "Facebook verhalf nicht den Durchschnittsbürgern zu mehr Macht, sondern professionellen Propagandisten, Leuten an den politischen Rändern und Verschwörungstheoretikern. Stimmen, die sich bisher im Verborgenen hielten, tönen jetzt im Zentrum des öffentlichen Diskurses." Nun darf man getrost davon ausgehen, dass Menschen immer schon Filterblasen aufgesucht haben. Als solche könnte man nämlich auch Stammtische oder andere Zirkel, innerhalb deren nur ganz bestimmte Ansichten geteilt werden, bezeichnen. Doch die sozialen Medien und die Algorithmen der Suchmaschinen scheinen diese Tendenz auf bedrohliche Weise weiter zu verstärken. Zwar bestätigen die wenigen bisher existierenden Studien diese Befürchtung nicht, doch sie berücksichtigen auch noch nicht die Tatsache, dass Facebook seine Filter-Regeln inzwischen noch einmal geändert hat: Die Überarbeitung der Algorithmen führt nun dazu, dass Informationen, die von Freunden und Familienmitgliedern eingestellt werden, noch stärker bevorzugt werden. Die traditionellen Medien, die von Jugendlichen und jungen Menschen ohnehin kaum noch als Informationskanäle wahrgenommen werden, treten dadurch noch stärker in den Hintergrund. Man könnte es auch so auf den Punkt bringen: Subjektive Wahrnehmungen ersetzen zunehmend die objektive Information. So entstehen Realitäten ohne Wirklichkeitsbezug.

Fazit: Vielfalt statt Einfalt!

Es ist heute dank Internet ohne großen Aufwand möglich sich anhand verschiedener Quellen zu einem bestimmten Thema zu informieren. Da ist es geradezu paradox, dass gleichzeitig eine Vielzahl von Menschen einem Leben in der Filterblase den Vorzug gibt. Diese selbst erwählte Echokammer erscheint da wie ein Rückzugsort bzw. eine Heimat für einfältige Geister, die sich von der Außenwelt bedroht fühlen und lieber ihre eigene Realität in einer Parallelgesellschaft erschaffen. Gleichzeitig leidet das Einfühlungsvermögen für andere Menschen und das Wahrnehmungsvermögen für deren Wirklichkeiten. Die Vertreter dieser gegensätzlichen Welten verweigern zudem eine gesunde Streitkultur. Sie kommunizieren bestenfalls übereinander, aber nicht mehr miteinander.

Nur eine lebendige Vielfalt von Informationen macht es möglich, einen Aspekt aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Und nur der, der die Fähigkeit besitzt, sie versiert zu nutzen, kann sich eine wirklich authentische eigene Meinung bilden, die auf der Realität einer gemeinsamen Lebenswelt beruht. Er wird sehr viel weniger dazu neigen, Standpunkte anderer Menschen unreflektiert nachzuplappern oder sich in einer extremen oder gar extremistischen Sicht der Welt einzuigeln. Und das wiederum ist ein dringendes Plädoyer für die Vermittlung von Medienkompetenz. Kinder müssen von dem Zeitpunkt an, an dem sie in Berührung mit Medien und speziell mit dem Internet kommen, befähigt werden, Informationen zu reflektieren, eigene Standpunkte zu finden und über diese auch offen zu kommunizieren und sich gegebenenfalls dafür einzusetzen.

Links

Was ist die Filterblase?

Auf Facebook endet die gemeinsame Wahrheit

Studien zum Thema Filterblase:
https://academic.oup.com/poq/article-abstract/80/S1/298/2223402
http://science.sciencemag.org/content/348/6239/1130

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Filter Bubble – Echokammer – Fake News

Was ist eigentlich… eine „Filterblase“? Sachen, die man wissen sollte

Filterblase? Selbst schuld!

Buchtipp: Filter Bubble - Wie wir im Internet entmündigt werden

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