Über den Autor/die Autorin

Christine  Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

Müssen Kinder heute wieder Struktur und Ordnung lernen?

von Christine Kammerer



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Kinder lieben das Chaos. Erst nach und nach erwerben sie die Fähigkeit, Ordnung und Struktur in der Welt zu erkennen, die sie umgibt. Und sie lernen, diese Gesetzmäßigkeiten selbst auf ihr Umfeld anzuwenden. Sie lernen dies allerdings nur, wenn sie auch entsprechend gefordert und gefördert werden. Das ist jedoch häufig nicht mehr der Fall, denn vielfach haben sich die alten Strukturen aufgelöst: Es gibt zum Beispiel kaum noch regelmäßige gemeinsame Familien-Zeiten, Kinder bleiben häufig sich selbst überlassen und werden selten zu häuslichen Verpflichtungen herangezogen. Es existieren keine klaren Regeln, es werden kaum noch Grenzen gesetzt und im Zweifelsfall folgen keine spürbaren Konsequenzen auf unerwünschtes Verhalten.

Wie funktioniert Ordnung?

Kleinkinder lernen Strukturen verstehen und anwenden, indem sie selbst die Ordnung der sie umgebenden Dinge entdecken und erproben. Sie wenden die Methode „Versuch und Irrtum“ an, bis sich irgendwann ein Erfolgserlebnis einstellt. Nach und nach begreifen sie auf diese Weise das Prinzip, das dahinter steht: Sie stecken zum Beispiel die rechteckigen Teile ihres Spielzeugs so lange in runde oder dreieckige Löcher, bis sie erkennen, dass diese am allerbesten in die rechteckigen Formen hineinpassen.

Werden sie dabei gezielt, aber spielerisch und ohne Zwang oder Stress angeleitet, kann dies ihren Lernprozess entsprechend befördern. Auch das Aufräumen entspricht letztlich diesem ganz grundlegenden Muster: „rechteckige Teile in rechteckige Formen“ oder „rote Teile in den roten Korb“ oder eben „alle Bauklötze in die gelbe Kiste“. Mit fünf bis sechs Jahren wissen Kinder dann im Prinzip, wie Ordnung funktioniert. Danach beginnen sie allmählich, selbst kreativ zu werden und ihre eigenen Strukturen zu schaffen. Man muss jedoch wissen, wie die Ordnung der Dinge, wie ihre Struktur beschaffen ist, um selbst kreativ werden zu können und eine neue Struktur zu erschaffen.

Struktur ist viel mehr als nur Ordnung

Zu der Struktur, die Kinder in ihrem häuslichen Bereich umgibt, gehört jedoch sehr viel mehr, als nur die sichtbare Ordnung im Kinderzimmer oder in den anderen Wohnbereichen. Dazu gehört zum Beispiel regelmäßige Zeiten. Eine kindgerechte Tagesstruktur sieht feste Zeiten für Aufstehen, Frühstück und Schule gehen vor. Darin ist mindestens ein gemeinsames Familien-Essen täglich enthalten, die Zeit für Hausaufgaben, die Zeit für das Spielen ebenso wie für das darauffolgende Wiederherstellen von Ordnung.

Freude an der Struktur – Eltern sind Vorbilder

Kann man mit Freude Ordnung halten? Was für viele wie ein Widerspruch in sich klingen mag ist tatsächlich nur eine Frage der Einstellung. Und dabei sind die Eltern vorbildlich – oder eben nicht. Wenn Eltern ganz selbstverständlich und ohne großes Theater Aufräumen (und das vielleicht sogar auch noch gerne tun), dann kann sich diese innere Haltung auf die Kinder übertragen: Sie begreifen das Ordnung schaffen dann als einen selbstverständlichen Teil ihrer Tagesstruktur - als Herausforderung, vielleicht sogar als Tätigkeit, die man mit Freude erledigt. Aber eben nicht als lästige Qual.

Es gelingt den Eltern vielleicht leichter, ein leuchtendes Vorbild zu sein, wenn sie sich selbst entsprechend motivieren, zum Beispiel indem sie sich das Aufräumen mit Musik versüßen. Ähnliches gilt auch für alle anderen Strukturen, die das Kind umgeben. Was auch immer die Eltern (und andere Bezugspersonen) vorleben, das wird nachgeahmt, dem wird nachgeeifert. Auch im negativen Sinne: Eltern, die tagein, tagaus mit ihrem Handy herumspielen, sind ebenfalls Beispielgebend für ihre Kinder.

Zeit zum Spielen, Zeit zum Aufräumen

In vielen Kindergärten wird das gemeinsame Aufräumen erfolgreich in die Tagesstruktur integriert: Nach der Spielzeit ist es Zeit zum Aufräumen. Die Erzieherinnen stimmen die Kinder mit einer kleinen Melodie darauf ein. Sie beginnen täglich ungefähr zur gleichen Uhrzeit ein ganz bestimmtes Liedchen zu summen oder abzuspielen. Und sie fangen dabei ganz langsam mit dem Aufräumen an. Sie sind also selbst ein gutes Vorbild. Sie tun das ohne großes Tamtam, ohne Murren oder Zetern, sondern heiter und gelassen. Diese Grundstimmung, die sich nicht groß von der beim Spielen unterscheidet, überträgt sich wiederum auf die Kinder. Das Aufräumen klappt wie am Schnürchen und die Kinder im Kindergarten machen es sogar gerne. Diese Beispiel lässt sich auf alles andere in gleicher Weise anwenden.

Struktur leben

Kinder brauchen Struktur. Deswegen ist es so wichtig, den Kindern eine gewisse Ordnung vorzuleben. Struktur und Ordnung können Kinder im Besten Falle ganz nebenbei und sogar mit Freude beim Spielen lernen. Eltern können ihre Kinder dabei unterstützen, indem sie auf folgende Aspekte achten:
  • Eltern sollten für eine geregelte Tagesstruktur mit regelmäßigen Zeiten sorgen.
  • Sie sollten nicht zu streng mit kleinen „Ordnungs-Widrigkeiten“ umgehen und nicht allzu pingelige Maßstäbe anlegen, sondern die Kinder immer wieder ermutigen und motivieren.
  • Es ist wichtig, klare Regeln und Aufgaben zu formulieren.
  • Für jedes Ding muss ein eindeutiger Ort vorgeben werden.
  • Wenige große Kisten sind besser als viele kleine.
  • Die Menge an Spielzeug sollte überschaubar bleiben.
  • Man kann es kleinen Kindern etwas leichter machen, indem man verschiedene Farben verwendet oder Bilder vom Inhalt auf die Kisten klebt.
  • Der Lerneffekt ist besser, wenn Eltern gleichzeitig erklären, was sie tun: „Das Rennauto lege ich in die Autokiste.“

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