Über den Autor/die Autorin

Anna Bahr

Anna Bahr hat an der Universität Leipzig ihr Germanistik- und Philosophiestudium abgeschlossen. Seit einigen Jahren arbeitet sie als freie Redakteurin. Ihre thematischen Schwerpunkte sind Kinder und Familie sowie Kunst und Kultur.

Hochbegabung bei Kindern - Anzeichen und Fördermöglichkeiten

von Anna Bahr



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Jedes Kind ist begabt - das eine kann besonders gut zeichnen, ein anderes beweist seine große Geschicklichkeit beim Klettern und das dritte überrascht mit seinem musikalischen Können am Klavier. Einige Kinder jedoch liegen mit ihren Talenten weit über dem Durchschnitt. Nicht immer ist es für Eltern und Lehrer einfach, eine Hochbegabung zu erkennen und zu fördern.

Das Thema Hochbegabung sorgt bei vielen Eltern für Gesprächsstoff. Weil das eigene Kind schon sehr früh vollständige Sätze gesprochen hat, oder weil es bereits im Kindergartenalter einzelne Buchstaben erkennen konnte, vermuten manche Mütter dahinter eine Hochbegabung. Tatsächlich sind nur rund 2,2 Prozent der Bevölkerung hochbegabt, das heißt ihr IQ liegt über 130. Ein normaler Intelligenzwert bewegt sich zwischen 95 bis 100. Die Fähigkeit, komplex zu denken und das Wissen schnell zu verknüpfen, die mit einem IQ-Test nachgewiesen wird, sagt aber noch nichts über die spezielle Begabung des Kindes aus. So kann es sein, dass ein Kind seinen Altersgenossen im mathematisch-logischen Denken weit voraus ist oder im musischen oder sportlichen Bereich auffallendes Talent zeigt. Von welchen Faktoren eine überdurchschnittliche Begabung allerdings abhängt, muss wissenschaftlich erst eindeutig bewiesen werden. Bislang vermuten Forscher genetische Voraussetzungen, aber auch der soziale Einfluss spiele eine Rolle.

Frühzeitig erkennen

„Hochbegabung fängt nicht erst in der Schule an, nur dauert es meist etliche Jahre, bis sie erkannt wird“, beschreibt Hanna Vock vom Institut zur Förderung hochbegabter Vorschulkinder (IHVO) das Phänomen. Eltern seien oft unsicher, hätten wenig Vergleichsmöglichkeiten und würden sich scheuen, über ihre Vermutungen zu sprechen. Auch für Erzieher sei es nicht leicht, Hochbegabung zu erkennen und sie abzugrenzen von normalen Entwicklungsschwankungen bei Kindern und Kindern, die von ehrgeizigen Eltern gefördert werden.
Die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) in Berlin kennt typische Anzeichen einer Hochbegabung. Kleine Schnelldenker langweilen sich schon im Kindergarten, finden „manche Spiele doof“ und stören „um wahrgenommen zu werden“. In der Grundschule fühlt sich das Kind „ständig unterfordert“, gilt als Streber oder Besserwisser und kann sogar, „trotz bekannter Intelligenz unerklärlich schwache Leistungen“ hervorbringen. Ein sehr geringes Schlafbedürfnis und ein sehr wacher und aufmerksamer Blick auf die Welt seien ebenso typisch für hochbegabte Kinder.
Auch im familiären Umfeld grenzt sich das hochbegabte Kind vom Verhalten Gleichaltriger ab. Manchmal käme es auch zu Verhaltensauffälligkeiten, die auf eine Unterforderung hindeuten können, so Christian Fischer vom Internationalen Centrum für Begabungsforschung an der Universität Münster. In seiner sozialen Umgebung sticht das hochbegabte Kind außerdem hervor, „weil es perfektionistisch und sich selbst und Anderen gegenüber sehr kritisch ist“ und „weil es intellektuell zwar seinem Alter um Jahre voraus ist, gefühlsmäßig aber meist seinem Alter entsprechend reagiert“.

Förderung im familiären Umfeld

Eltern mit feinen Antennen für die Bedürfnisse ihres Kindes werden vielleicht schon intuitiv auf den Wissensdurst ihres Kindes reagieren und es außerhalb von Schule und Hort mit passenden Angeboten unterstützen. Spätestens wenn sich die Hochbegabung bestätigt, sollten Eltern ihr Kind gezielt fördern. Kinder mit einer Begabung im logischen Denken werden sich im Schachclub gut aufgehoben wissen, musikalisch talentierte Kinder sollten ein Instrument erlernen.
Besonders begabte Kinder sind immer auf der Suche nach neuen Ideen und Lösungen. Dabei sei es durchaus legitim, wenn Eltern nicht immer die passende Antwort bereit hätten, erklärt der DGhK. Wenn Eltern sich mit den oftmals sehr speziellen Themen zugehörigen Fragen überfordert fühlen, kann es hilfreich sein, dem Kind den Zugang zu Bibliotheken in der Umgebung zu ermöglichen. Diese bieten vertiefende Literatur und vor allem auch Fachzeitschriften an. In größeren Städten sind diese meist so gut ausgestattet, dass Kinder auch Computer mit verschiedener Software nutzen können.
Auf jeden Fall, rät der DGhK, sollten Eltern mit ihren Kindern offen über die Hochbegabung reden ohne die Nachteile auszuklammern. Erleichternd kann es auch sein, das Kind mit anderen hochbegabten Kindern zusammenzubringen. Während die Kinder sich auf ihrem Themenfeld austoben, experimentieren oder tüfteln, können die Eltern sich untereinander austauschen, Strategien für den Alltag und die Lernumgebung besprechen.

Hochbegabung in der Schule

Mittlerweile haben sich viele Kindergärten und Schulen auf das Phänomen Hochbegabung eingestellt. Die Begabtenförderprogramme sind in den letzten 20 Jahren deutlich ausgeweitet worden. Doch nicht immer ist es einfach, eine Hochbegabung zu erkennen. Es kann vorkommen, dass ein hochbegabtes Kind versucht, sein besonderes Talent zu verstecken und absichtlich falsche Antworten gibt - auch um im Klassenverband akzeptiert zu werden. Andere Kinder fallen durch störendes Verhalten auf, spielen den Clown oder sind patzig. Oftmals gelingt es Lehrern nicht, hochbegabte Schüler zu identifizieren. Vor allem weil sie dazu neigen „sich bei dieser Beurteilung vorwiegend an den schulischen Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler zu orientieren“, so Eva Stumpf, Professorin für pädagogische Psychologie. Hat sich der Verdacht auf Hochbegabung allerdings bestätigt - meist nach mehreren Testverfahren - kann das Talent gezielt gefördert werden. Gängige Praxis an vielen Schulen ist es, ein Kind vorzeitig einzuschulen oder das Kind eine Klasse überspringen zu lassen. Problematisch kann es jedoch sein, wenn das Kind emotional und sozial nicht den Stand der Klassenkameraden erreicht. Hier müssen Lehrer, Erzieher und Eltern eine gemeinsame Lösung finden, die dem Charakter des Kindes am ehesten entspricht.
In vielen Schulen werden hochbegabten Kindern zusätzliche Materialien angeboten oder die aktuellen Inhalte vertieft. Bei dieser Methode geht es vor allem um „eine Individualisierung des Unterrichts“. Auch ein hohes Maß an selbstständigem Arbeiten komme dem Kind entgegen, so Stumpf.
Eine andere Variante ist es, das Kind teilweise vom Unterricht der Klasse zu befreien und die Teilnahme an speziellem Kinderseminaren zu ermöglichen. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt bietet zum Beispiel Schülerlabore an, in denen Schüler experimentieren und forschen können. Naturwissenschaftlichen Interessen werden in Kursen wie etwa Chemie, Biologie, Physik oder Mathematik nachgegangen. Rund 200 solcher Schülerlabore, so Stumpf, gebe es mittlerweile in Deutschland. Angesprochen werden hier nicht nur Schüler der Mittel- und Oberstufe, auch Grundschüler können teilnehmen.

Trotz der Hochbegabung ist es auch für diese Kinder wichtig, dazuzugehören und Freunde zu haben. Lehrer sollten versuchen, die Kinder in den Klassenverband zu integrieren und es nicht in eine Sonderrolle zu versetzen. Seine Leistungen sollten unbedingt anerkannt werden, rät auch der DGhK, jedoch ohne das Kind herauszustellen. Das gleiche gilt auch für die Familie - eine Hochbegabung ist nicht das einzige Wesensmerkmal eines Kindes. Denn bei aller Förderung sollten Eltern nicht vergessen, dass ihr Kind genau wie alle anderen Kinder auch Liebe, Geborgenheit und Zuwendung braucht und - genau wie seine Altersgenossen - manchmal einfach nur spielen will.

Quellen und Buchtipps:

- www.dghk.de/hochbegabung

- Stumpf, Eva: Förderung bei Hochbegabung. Kohlhammer. 2012.

- Fisher, Christian. In: www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/genies-in-der-grundschule-wie-sich-hochbegabung-erkennen-laesst-a-304859.html

- Vock, Hanna. In: "KiTa aktuell", Ausgaben NRW und Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Oktober 2003.

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