Über den Autor/die Autorin

Anna Bahr

Anna Bahr hat an der Universität Leipzig ihr Germanistik- und Philosophiestudium abgeschlossen. Seit einigen Jahren arbeitet sie als freie Redakteurin. Ihre thematischen Schwerpunkte sind Kinder und Familie sowie Kunst und Kultur.

Hochsensible Kinder - Wenn der Alltag überfordert

von Anna Bahr



© dubova - Fotolia.de
Einige Kinder reagieren stark empfindlich auf Geräusche, Stimmungen anderer Menschen oder Gerüche. Schon der normale Alltag kann für diese Kinder zur Herausforderung werden. Wenn ihnen eine Situation zu turbulent wird, ziehen sie sich zurück. In Fachkreisen wird dieses ausgeprägte Feingefühl für die Umwelt als Hochsensibilität bezeichnet. Dabei ist Hochsensibilität keine Krankheit, sondern einfach nur eine besondere Veranlagung.

Was ist Hochsensibilität?

Wird eine Person als sensibel beschrieben, ist klar, dass dieser Mensch empfindsam ist. Was bedeutet aber die Steigerungsform hochsensibel? Geprägt wurde der Begriff der „Highly Sensitive Person“ in den 90er Jahren von der amerikanischen Psychologin und Universitätsprofessorin Dr. Elaine N. Aron. Immerhin 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung nehmen, laut Aron, ihre Umgebung mit sehr feinen Antennen wahr. Die Zuschreibung „hochsensibel“ sei jedoch kein Krankheitsbild, sondern benenne vielmehr einen Wesenszug. Hochsensible Persönlichkeiten, kurz HSP, reagieren stärker auf äußere Reize wie Licht, Geräusche oder Gerüche und brauchen länger, um diese Eindrücke zu verarbeiten. Obwohl das Thema mittlerweile immer populärer wird, steht die Forschung mit ihren Untersuchungen noch am Anfang, so dass eine eindeutige neurophysiologische Definition nicht möglich ist.

Ungefilterte Wahrnehmung

Oft werden hochsensible Kinder abwertend Angsthase oder Sensibelchen genannt. Dabei registrieren sie einfach ihre Umwelt mit anderen Augen. Während die meisten Menschen viele Reize aus ihrer Umgebung ausblenden, fühlen sich HSP von diesen Eindrücken überflutet. Sie können die Masse von äußeren und inneren Informationen nicht filtern. Da kann es schon vorkommen, dass der Geruch eines fremden Parfums bei einem Kind Übelkeit auslöst, oder die schrille Sirene eines Krankenwagens körperliche Schmerzen hervorruft.
Besonders beeindruckend ist bei vielen hochsensiblen Kindern die Art, wie sie die Stimmungen anderer Menschen erfassen und sich in deren Gemütszustand hineinversetzen können. Auch hier scheint kein emotionaler Filter eine Grenze in der Wahrnehmung zu setzen wie es bei normal sensiblen Kindern der Fall ist. Wird ein Kind aus der Klasse zum Beispiel gehänselt, kann es die Traurigkeit und Scham des Betroffenen mitempfinden. Schimpft ein Lehrer mit einem Mitschüler, fühlt es sich für einige HSP so an, als würden sie gemeint sein. Deshalb wird ihnen auch oftmals ein siebter Sinn zugesprochen. Petra Tomschi, Psychologin und Vorstandsmitglied des Münchner Zentrums für Hochsensibilität e.V. nennt HSP aus diesem Grund auch „Vielfühler“.

Hochsensibilität signalisieren

Erwachsene haben gelernt, sich zurück zu ziehen, wenn sie von Situationen überfordert sind. Sie entscheiden selbst, ob sie auf eine laute Party gehen oder zu Hause in Ruhe ein Buch lesen. Für Kinder ist es schwieriger ihre Gefühlslage zu artikulieren oder Strategien zu entwickeln, mit denen sie den Alltag meistern können. Oft verstehen sie selbst nicht, warum es ihnen auf turbulenten Kindergeburtstagen nicht gut geht, denn offenbar haben all die anderen Kinder Spaß. Denn was ihren gleichaltrigen Freunden Freude bereitet, kann für hochsensible Kinder in puren Stress ausarten. Auch ein scheinbar harmloser Ausflug in die Stadt kann so schnell zum Horrortrip werden. Das grelle Licht in den Kaufhäusern, lautes Stimmengewirr, Musik und zusätzlich die zahlreichen Gerüche fremder Menschen setzen dem Kind zu.
Weil die betroffenen Kinder meist nicht sagen können, was mit ihnen los ist, signalisiert ihr Körper durch Kopf- oder Bauchschmerzen, dass er eine Pause braucht. Viele Eltern wissen in solchen Situationen nicht weiter und fühlen sich überfordert. Warum funktioniert ihr Kind nicht wie alle anderen? Was sollen sie tun?

Signale des hochsensiblen Kindes erkennen

Eine mögliche Antwort liefert Arons Buch “Das hochsensible Kind”. Darin entwirft die Psychotherapeutin einen Fragebogen, der klären soll, ob das Kind eine stark ausgeprägte Sensibilität besitzt. Weil sich Hochsensibilität in vielen Facetten zeigen kann, fragt Aron unter anderem, ob das Kind schreckhaft auf laute Geräusche reagiert, oder ob das Kind eher ein Einzelgänger ist und sich sehr gut alleine beschäftigen kann. Vielleicht neigt das Kind auch zum Träumen und zu einer sehr lebhaften Fantasie? Auffallend sei auch, dass sich hochsensible Kinder mit der Welt um sie herum intensiv auseinander setzen, philosophische Fragen stellen und abstrakte Zusammenhänge begreifen. Ein ausgeprägter Sinn für Humor und sogar für Ironie seien ebenso keine Seltenheit. Werden Arons Fragen überwiegend mit ja beantwortet, ist das Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit hochsensibel. Deuten Eltern die Signale ihres Kindes richtig, können sie ihr empfindsames Kind besser im Alltag unterstützen.

Ruhe und Struktur für hochsensible Kinder

Hochsensible Kinder sind schnell überfordert. Deshalb sind für sie Ruhepausen und klare Strukturen hilfreich. Ein Tag in der Schule - nach konzentriertem Unterricht, Hausaufgaben und Hortbetreuung - zerrt an den Kräften hochsensibler Kinder. Nach der Schule brauchen sie deshalb vor allem Rückzugsorte, an denen sie sich von Lautstärke, Stress und Hektik erholen können. Das Smartphone oder der Fernsehen bleiben dabei am besten aus, denn die liefern schon wieder neue Stimulation.
Für viele Kinder bietet außerdem ein gut strukturierter Alltag Sicherheit und Halt. Zu viele Termine oder spontane Aktivitäten sollten die Ausnahme bleiben. Hilfreich dagegen sind Ausflüge in die Natur, die mit ihrer ruhigen Geräuschkulisse entspannend wirkt. Viel Bewegung hilft außerdem, innere Anspannungen abzubauen und Frust loszuwerden.
Aber auch ausgleichende Sportarten in kleinen Gruppen sind zum Auspowern und Abschalten ideal. Da viele hochsensible Kinder ein ausgeprägtes Innenleben haben und viel Zeit mit Reflexion verbringen, kann Yoga helfen, zur inneren Ruhe zu finden sowie das Selbstbewusstsein des Kindes stärken. Generell sollten Eltern Überreizung vermeiden und für Stabilität sorgen. Die lässt sich übrigens auch in kleinen Ritualen finden, wie dem gemeinsamen Tee trinken nach der Schule.

Hochsensibilität als Chance

Hochsensible Kinder, aber auch Erwachsene haben es im Alltag nicht leicht. Die Technik entwickelt sich rasant und vereinnahmt die meisten Bereiche unseres Lebens. Für viele Kinder ist das Smartphone, die Konsole oder der Fernseher ein fester Bestandteil des Alltags. Aber auch die zahlreichen Freizeittermine wie Fußball oder Musikschule, lange Tage in der Schule oder familiärer Stress nehmen viel Raum im Alltag der Kinder ein. Für hochsensible Kinder kann es schwierig sein, das richtige Maß zu finden zwischen der Teilhabe am alltäglichen Leben und dringend notwendigen Ruhepausen. Um nicht ständig von Eindrücken überflutet zu werden, müssen die Kinder selbst ein feines Gespür für die eigenen Grenzen und Bedürfnisse entwickeln. Eltern können sie mit ihrem Verständnis und Einfühlungsvermögen unterstützen. Statt zu versuchen, das Kind nach den eigenen Vorstellungen zu verbiegen, hilft es, die Empfindungen und Wahrnehmungen des Kindes zu akzeptieren. Gleichzeitig können Eltern von HSP die Veranlagung ihrer Kinder als Chance begreifen und versuchen, auch ihren Blick auf die Welt zu schärfen. Wachsam und mit den Augen eines sensiblen Kindes können sie die Momente der Langsamkeit und der Entschleunigung genießen.

Quellen und Literaturtipps:

- http://www.hochsensibel.org/dokumente/Juniorinfo.pdf

- Aron, Elaine N.: Das hochsensible Kind. mvg. 2008

- Trappmann-Korr, Birgit: Hochsensitiv: Einfach anders und trotzdem ganz normal. VAK. 2014

- Marletta-Hart, Susan: Leben mit Hochsensibilität: Herausforderung und Gabe. J. Kamphausen Mediengruppe GmbH. 2008

- Tomschi, Petra: Das Vielfühler Buch. Hochsensibilität. Tomschi Verlag. 2015

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