Über den Autor/die Autorin

Christine  Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

Deutsche Schüler - Spießer und Streber statt Rebellen und Revolutionäre?

von Christine Kammerer



© Syda Productions - Fotolia.de
Vor allem in den Achtzigerjahren war die öffentliche Meinung in Deutschland vom Vorurteil geprägt, dass die meisten Jugendlichen sich vor allem durch Unlust und völliges Desinteresse hervortun. Die damals Heranwachsenden wurden dann auch treffend als „Null-Bock-Generation“ bezeichnet. Heute gelten die deutschen Schüler als allzu karriereorientiert, ehrgeizig und zielstrebig.

Die meisten von ihnen kommen dem Anschein nach fast ganz ohne Zicken und Zetern durch die Pubertät. Sie zeigen kaum Verhaltensweisen, die wir gemeinhin für alterstypisch halten wie Trotz oder Rebellion. Eine Auflehnung gegen das Elternhaus und die Gesellschaft findet nicht statt. Sind Schüler heute tatsächlich so brav und angepasst? Die Jugendstudien aus den Jahren 2013 bis 2015 legen eine solche Entwicklung nahe – zumindest den Mainstream betreffend.

Mit Null-Bock ist definitiv Schluss

Unlust und Desinteresse bei Schülern sind im Großen und Ganzen passé. Die Mehrheit der Jugendlichen von heute ist ehrgeizig und leistungswillig. Sie schätzten die Eltern ganz überwiegend als wichtigste Ratgeber (83 Prozent), das Elternhaus als sichere Basis. Zu diesem Ergebnis kommt die Jugendstudie 2013 des Allensbach-Instituts. Befragt wurden 3000 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 24 Jahren. Sie sind im Vergleich leistungsbereiter als gleichaltrige vor etwa 20 Jahren. 63 Prozent von ihnen glaubt, dass Leistung sich im deutschen Wirtschaftssystem lohnt. Viele streben nach einem erfolgversprechenden Beruf mit Zukunft, der zugleich Spaß machen soll.

Die Generation, die gerade heranwächst, sei sehr realistisch und sehr angepasst, so Jugendforscher Klaus Hurrelmann angesichts der Jugendstudie 2013. Zwei Jahre später konstatiert er: „Das geht schon in Richtung Überanpassung."

Geborgenheit in unsicheren Zeiten

Junge Menschen heute wünschen sich vor allem soziale Absicherung. Der Preis für diesen Kuschelkurs ist eine für das Alter schon fast ungewöhnliche Nähe zur Welt der Erwachsenen, die es so seit der Nachkriegszeit nicht mehr gab. Das Motiv dafür ist aber nicht etwa Bequemlichkeit, wie man sie einst der „Generation Golf“ unterstellte. Die Teenager von heute sehnen sich nach Sicherheit, Halt und Geborgenheit. Die Forscher sehen darin eine nachvollziehbare Reaktion auf Wirtschaftskrisen, Terrorgefahr und eine unübersichtlichere, globalisierte Welt.

Die Sehnsucht nach Geborgenheit verdrängt offenbar sogar das typisch pubertäre Bedürfnis nach Individualität. Die Forscher bescheinigen den Jugendlichen einen ausgeprägten Hang zum Mainstream. Viele Teenager - mit und ohne Migrationserfahrung - wollen sein "wie alle". Szene- und Subkulturen sind fast vollkommen verschwunden. Aber natürlich gibt es auch da noch unterschiedliche Strömungen wie Ökos und Konservative, solche die einfach nur Spaß haben wollen und die Frustrierten, die sich von der Gesellschaft abgehängt fühlen.

Bekenntnis zum Spießertum

Früher galten Streber noch als äußerst unbeliebt. Heute sind die Guten gleichzeitig auch die Coolen. Die Zeiten, in denen der „Streber“ ein Schimpfwort war, sind definitiv vorbei. Das gilt auch für den „Spießer“ - spätestens, seit ein Bauspar-Versicherer den Begriff positiv für sich ummünzte. Das Unternehmen hat die Zeichen der Zeit erkannt, denn Haus, Garten und Hund liegen nach wie vor hoch im Kurs.

Auch die guten alten deutschen Tugenden Fleiß, Ordnung und Disziplin sind keineswegs vom Aussterben bedroht. Fast zwei Drittel der Jugendlichen legen großen Wert auf den Respekt vor Gesetz und Ordnung, und viele wollen fleißig und ehrgeizig sein. Die derzeitige Schüler-Generation will allerdings nicht nur schuften, sondern auch Freude am Leben haben. Und 76 Prozent der Jugendlichen ist überzeugt, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich leben zu können. Den Begriff "spießig" empfinden sie nicht mehr als beleidigend.

Fazit: Rebellion nur am Rande des Mainstream

Die Ergebnisse der derzeit vorliegenden Jugendstudien machen durchaus Mut für die Zukunft, denn es ist für eine Gesellschaft wichtig, dass die Mehrheit ähnliche Werte teilt. Wir sollten jedoch bei allem Optimismus nicht diejenigen vergessen, die nicht in einer solchen Geborgenheit aufwachsen und die aufgrund ihrer sozialen Herkunft nicht über die gleichen Chancen verfügen. Jene, die in aller Regel deutsche Hauptschulen besuchen oder gar keinen Schulabschluss haben. Dort am Rande unserer Gesellschaft wachsen und gedeihen Gewalt und Rebellion. Dieser Zorn und diese Wut auf eine Gesellschaft, die andere nicht mitkommen lässt, wird von Hasspredigern weiter geschürt - ob von Salafisten oder von Nazis. Diesen jungen Menschen sollten wir unsere volle Aufmerksamkeit schenken, auch im Rahmen unseres Bildungssystems.

Links

Wie ticken Jugendliche 2016? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland
http://www.springer.com/cda/content/document/cda_downloaddocument/978-3-658-12532-5_Wie+ticken+Jugendliche+2016.pdf?SGWID=0-0-45-1559470-p179447875

Die 17. Shell Jugendstudie 2016
http://www.shell.de/ueber-uns/die-shell-jugendstudie.html

Deutsche Jugendliche sind Streber statt Rebellen und Faulenzer
http://www.t-online.de/eltern/jugendliche/id_65385536/jugend-studie-deutsche-jugendliche-sind-streber-statt-rebellen.html

Mehr null Bock, bitte
http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/lehrer-ueber-leistung-streber-und-rebellion-in-der-schule-a-1027336.html

Die Bombe tickt
http://www.zeit.de/2008/38/Jugend

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