Über den Autor/die Autorin

Christine  Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

Flüchtlinge an deutschen Schulen - Bestandsaufnahme und Ausblick

von Christine Kammerer



© Jasmin Merdan - Fotolia.com
Im Jahr 2015 kamen etwa eine Million Flüchtlinge nach Deutschland. Darunter waren nach Schätzung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) rund 300.000 schulpflichtige Kinder und Jugendliche. Für die deutschen Schulen bedeutet dies eine gewaltige Herausforderung: Ihnen kommt eine Schlüsselrolle bei der Integration der Flüchtlingskinder in unser Bildungssystem und damit auch in unsere Gesellschaft zu, denn ohne ausreichende Sprachkenntnisse und ohne schulische und berufliche Qualifikation wird es den Zuwanderern nicht gelingen, in Deutschland wirklich Fuß zu fassen. Der Schulabschluss ist die Voraussetzung für eine gelungene Integration. Schulversager mit Migrationshintergrund müssen dagegen häufig ihr gesamtes Leben von Sozialleistungen bestreiten und sie werden durch die damit verbundenen Frustrationen und Enttäuschungen nicht selten in die Arme von Extremisten getrieben.

Schuljahr 2015/2016 – zwischen Chaos und Improvisation

In allen Regionen Deutschlands mussten etliche neue Klassen geschaffen werden und das, obwohl es gleichzeitig an allen Ecken und Enden fehlte: an Lehrern, Sozialarbeitern und Schulpsychologen, an Räumlichkeiten und Arbeitsmaterialien. Die Situation und die Voraussetzungen waren von Bundesland zu Bundesland, ja selbst von Kommune zu Kommune sehr unterschiedlich. Es wurde nach allen Regeln der Kunst improvisiert. Auch das Chaos bei der Verteilung gehörte zum Alltag, denn viele Schulen mussten quasi über Nacht mehrere Dutzend Schüler ohne jede Vorbereitungszeit aufnehmen. In einigen Ländern bekamen Flüchtlingskinder schon im Erstaufnahmelager Deutschkurse, andere wiederum warteten Monate lang, bis sie endlich am Unterricht teilnehmen konnten, doch im Großen und Ganzen zeigte sich das deutsche Bildungssystem der Herausforderung gewachsen und es funktionierte erstaunlich gut.

Spracherwerb – eine gewaltige Aufgabe

Im Dezember 2015 waren bereits mehr als 8200 spezielle Sprachklassen eingerichtet worden. Rund 196 000 Schüler besuchten 8264 Klassen, in denen Deutsch unterrichtet wurde. Kinder, die in den Regelklassen aufgenommen wurden, wurden nicht gesondert erfasst, so dass die Zahlen der Flüchtlinge an deutschen Schulen insgesamt vermutlich weitaus höher ist. Die Länder hatten bis dahin rund 8500 zusätzliche Lehrer eingestellt, um die Lage zu bewältigen. Der Deutsche Philologenverband hält jedoch mindestens 20 000 zusätzliche Lehrkräfte für notwendig. Im Oktober 2015 bezifferten die Bundesländer ihre Gesamtkosten für die Schulbildung von Flüchtlingskindern für das laufende Schuljahr auf mindestens 2,3 Milliarden Euro.

Die schulische Integration gestaltet sich in allen Bundesländern ähnlich: Bevor die Flüchtlinge am normalen Unterricht teilnehmen können, müssen sie in Vorkursen, Übergangs- oder Einstiegsklassen Deutsch lernen. Das Gefälle in diesen Klassen ist mitunter gewaltig. Manche Schüler sprechen nach einem Jahr so gut Deutsch, dass man sie für Einheimische halten könnte. Andere, vor allem die etwa fünf Prozent Analphabeten unter den Kindern, die in ihrer Heimat weder Lesen noch Schreiben gelernt haben, haben große Probleme mit dem Spracherwerb. Es hängt also sehr vom Einzelfall ab, wie intensiv und wie lange ein Schüler sprachlich gefördert werden muss.

Übergang in die Regelklasse

Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern gibt es lediglich bei der gemeinsamen Beschulung mit den einheimischen Schülern. In einigen Bundesländern bleiben die Flüchtlingskinder das erste Jahr weitgehend unter sich, in anderen wie zum Beispiel in Bremen setzt man auf eine „gleitende Integration“: Die Flüchtlinge nehmen zunächst nur am Sport- oder Kunstunterricht teil, später kommen je nach Sprachniveau und Kenntnisstand nach und nach andere Fächer hinzu.

Auch in anderen Ländern besuchen die Flüchtlinge zunächst in Fächern wie Sport und Musik den Unterricht in der Regelklasse, später in anspruchsvolleren Fächern wie Mathematik oder Naturwissenschaften. Der Übergang erfolgt Schritt für Schritt - je nach den individuellen Voraussetzungen.

Willkommen in der Schule

Die Bereitschaft, Flüchtlingskinder an den Schulen aufzunehmen, war überall sehr groß. Viele Schüler meldeten sich sogar als Mentoren, Eltern spendeten für Bücher und Schultüten, Lehrer machten Überstunden. Es wirkt sich auch positiv aus, dass die Zahl der Lehrer, die selbst eine Einwanderungsbiografie haben, allmählich zunimmt. Es gibt inzwischen etliche Lehrer, die Kurdisch oder Türkisch, Arabisch oder Serbisch sprechen und bei Elterngesprächen übersetzen können. Sie wissen zudem aus eigenem Erleben, wie kompliziert es sich gestalten kann, in Deutschland Fuß zu fassen.

Für die Flüchtlingskinder können die Migranten im Schuldienst eine Art Anker-Funktion erfüllen: Sie bringen ihren Schützlingen nicht nur eine neue Sprache, sondern vor allem auch ein neues Selbstbewusstsein bei. Sie sind das beste Beispiel und ein Vorbild dafür, was sie in Deutschland mit einer erfolgreichen Bildungskarriere schaffen können.

Fazit: Es gibt keine pauschalen Antworten

Die Aufnahme der Flüchtlingskinder an deutschen Schulen ging dank der großen Hilfsbereitschaft aller Beteiligten erstaunlich unproblematisch vonstatten. Dass es dabei trotz bestem Willen, viel Engagement, Flexibilität und guter Organisation mitunter holperte, dürfte angesichts dieser riesigen Herausforderung kaum verwunderlich sein.

Die eigentliche Sisyphos-Arbeit liegt jedoch noch vor uns. Viele der Kinder und Jugendlichen, die aus Kriegs- und Krisengebieten zu uns gekommen sind, sind traumatisiert, viele davon schwer. Sie müssen nicht nur beschult, sondern auch pädagogisch intensiv begleitet und psychologisch betreut werden. Hinzu kommt, dass unser Bildungssystem heute schon viel zu viele Jugendliche ohne Schulabschlüsse in die Gesellschaft entlässt - hier muss deutlich nachgebessert werden. Junge Menschen, die sich als Verlierer empfinden, können sich leicht zum Sprengsatz für eben diese Gesellschaft entwickeln, von der sie sich ausgegrenzt fühlen.

Zu denken geben sollte uns auch der Aspekt der Kosten: Allein im Schuljahr 2014/2015 schlug die Integration der Flüchtlinge an deutschen Schulen mit mehreren Milliarden Euro zu Buche. Diese Kosten werden auch weiterhin exponentiell steigen, denn die Flüchtlingszahlen in 2015 waren erst vorläufige Spitzenwerte – wir wissen nicht, was uns in Zukunft erwartet.

Links

Flüchtlingskinder in der Schule: Schaffen die das?
www.zeit.de

Wie klappt die Integration an Schulen?
www.tagesschau.de

Flüchtlingskinder: Wie gelingt die Integration in Schule und Kindergarten?
www.wissen.de

Für Flüchtlinge fehlen mehr als 10.000 Deutschlehrer
www.welt.de

Flüchtlinge: Integration im Klassenzimmer, Unterrichtsmaterial für die Sekundarstufe II
www.google.de

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