Über den Autor/die Autorin

Hildegard Dierks

Hildegard Dierks arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin für verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestütztes Lernen aber auch schulpolitische Themen.

Der Streit um die Zensuren

von Hildegard Dierks



© Regine Schöttl - Fotolia.de
Zensuren erhitzen immer wieder die Gemüter. Schüler beklagen sich, wenn sie sich in ihrer Leistung ungerecht benotet fühlen. Ein verantwortungsbewusster Lehrer bemüht sich sorgfältig um eine pädagogische Zensurenfindung, das heißt u. a. um eine lernfördernde Rückmeldung durch Zensuren während des ganzen Schuljahres. Die Leistungsbewertung erscheint in der Regel als Wortgutachten oder Ziffer unter einer Klassenarbeit oder auf dem Zeugnis. Wie sieht Streit um Zensuren, um die Leistungsbewertung von Schülern, aktuell aus?

Die gute Zensur und das ungute Gefühl


Für das Leben lernen wir in der Schule und wer in der Schule gut lernt, bekommt gute Zensuren. Mit einer guten Note im Fach Deutsch wird man vielleicht einmal ein guter Journalist oder ein guter Werbetexter.

Eine Zensur ist unter anderem Ausdruck einer erworbenen Qualifikation oder Fähigkeit. In seltenen Fällen jedoch ist genau klar für welche Qualifikation eine gute Zensur steht. 11 Punkte in einem Leistungskurs Mathematik auf dem Abiturzeugnis eines Gymnasiasten steht für bessere Kenntnisse in Mathematik als die Zensur „gut“ auf dem Abschlusszeugnis der Realschule. Aber wer - außer Insider von Schule - wird wissen, was man von einem Abiturienten mit so einer Punktezahl in Mathematik wirklich erwarten kann.

In letzter Zeit werden Zensuren noch auf andere Weise kritisiert. Zensuren finden sich in bildungspolitischen Debatten wieder.

Steht die Note „gut“ in Mathematik in der 10. Klasse in Bayern für den gleichen Kenntnisstand wie die Note „gut“ in Mathematik in Nordrhein-Westfalen. PISA-Tests und TIMMS-Studien lassen Zweifel aufkommen. Wie verändert sich eine Zensur, wenn Vergleichsarbeiten durch intensive Übung im Vorfeld vorbereitet werden?

Am 14. Januar 2013 macht die Journalistin Sandra Spieker die Abi-Note 1,0 in der Neuen Westfälischen in einem Artikel zum Thema. Seit Einführung des Zentralabiturs habe sich zum Beispiel in Ostwestfalen-Lippe die Zahl der Abi-Note „sehr gut“ verdoppelt. Der Deutsche Philologenverband bemängelt diesen Trend und beklagt eine abnehmende differenzierende Aussagekraft hinsichtlich der Leistungsbewertung eines Schülers. Die echten Koryphäen können so nicht mehr erkannt werden. Die Schulministerin Löhrmann des Landes Nordrhein-Westfalen sieht dieses nicht so und verweist auf die hohe Leistungsbereitschaft gerade guter Schüler, um den notwendigen NC für ein Studienfach zu schaffen.

Mögliche Gründe für die Entwicklung zur sehr guten Note sind spekulativ und entsprechend die Erklärungsversuche. Möglichweise sind Schüler versierter in der Prüfungsvorbereitung geworden als in der Vergangenheit oder der Unterricht wird verstärkt gezielt genutzt, um auf Prüfungen vorzubereiten.

Die gute Zensur wird heute oft mit Skepsis betrachtet, denn veröffentlichte Notendurchschnitte von Schulen werden – wenn möglich - zum Aushängeschild für Schulen, weil Schulen sich um Anmeldungen bemühen müssen, um drohende Schulschließungen abzuwenden.

Notendurchschnitte werden auch zur Bestätigung verfehlter oder gelungener Schulpolitik herangezogen. Die Punktezahl oder Note steht da und die Zeit, die Bedingungen für ihre Entstehung zu diskutieren, ist oft nicht.

Die Zensur vor Gericht


Zunehmend wird Streit um Zensuren vor Gericht ausgetragen. Laut Forum Schule NRW wurde im Jahr 2010 die Bezirksregierung Köln mit 268 Widersprüchen gegen Leistungsbeurteilungen konfrontiert. In vielen Fällen sind die Widersprüche von vorn herein ohne Chance. Geht es jedoch um Zulassungen zu Prüfungen, um Versetzungen oder um Noten in wichtigen Abschlusszeugnissen wird vereinzelt genauer geschaut, ob die Schulen zum Beispiel Unterricht in ausreichender Stundenzahl vorgehalten haben oder ob sonstige Formfehler geltend gemacht werden können.

Dass Gerichte die pädagogische Kompetenz der Lehrer berücksichtigen, wird in einem Eilantrag vor dem Braunschweiger Verwaltungsgericht im Spätsommer 2010 deutlich. Ein Schüler sollte nicht in die 8. Klasse versetzt werden wegen mangelnder Leistungen. Das „Zünglein an der Waage“ war eine Zensur im Fach Französisch. Die Lehrerin hatte die Leistung des Schülers mit „mangelhaft“ bewertet, obwohl der rechnerische Durchschnitt der während des Halbjahres erhaltenden Zensuren bei 4,41 lag. Die Zensur „mangelhaft“ war damit begründet worden, dass sich die Leistung des Schülers in der letzten Zeit deutlich verschlechtert hatte. Der Eilantrag der Eltern, die Zensur auf ein „ausreichend“ abzuändern und somit eine Versetzung zu ermöglichen, wurde abgewiesen. Stattdessen bestätigte das Gericht die Begründung für „mangelhaft“, weil die deutliche Verschlechterung des Schülers zum Schuljahresende bedeutsam sei. Abweichungen vom rechnerischen Durchschnitt müssten – so die Auffassung des Gerichts - aber im Einzelfall begründet werden.

Insgesamt schleicht sich hier und da eine leise Angst bei Lehrern ein, vor dem Richter zu landen, wenn es darum geht eine „harte“ Entscheidung bei der Zensurenvergabe zu treffen und sehr schlechte Zensuren werden vermieden.

Leider platzieren geschäftstüchtige Anwälte zeitnah zu Zeugnisvergabeterminen ihre Öffentlichkeitsarbeit zunehmend so, dass gerade Eltern mit wenig Vorinformationen was die Zensurenvergabe bei der Leistungsbewertung anbelangt, sich emotional davon angesprochen fühlen. Sie werden auf eine „falsche Fährte“ gelockt, die unter Umständen sehr kostspielig ist. Die Zensur vor dem Richter muss ein Einzelfall bleiben. Lehrer brauchen ihrerseits Verfahren nicht zu fürchten. Manchmal bringen sie Klarheit und Lehrer gehen für ihre zukünftige Leistungsbewertung gestärkt daraus hervor.

Allerdings ist es psychologisch ratsam die Leistungsbewertung eines Schülers während der ganzen Unterrichtszeit im Blick zu halten, insbesondere bei „Wackelkandidaten“, um das Entstehen von Härten kurz vor Zeugnisvergabe zu verhindern.

Ankreuzzeugnisse in der Entwicklung


Insbesondere in der Grundschule gibt es ergänzend zu Zensuren („gut“, „sehr gut“ oder „ausreichend“) oft Wortgutachten. Eltern sollen differenziert und aussagekräftig über die Leistung ihrer Kinder informiert werden.

Ganz aktuell stehen sogenannten Ankreuzzeugnisse neu auf der Agenda von Schulentwicklung..

Ein Ankreuzzeugnis erinnert an einen einfachen, mehrseitigen wissenschaftlichen Auswertungsbogen. Ein Ankreuzzeugnis für die Schuleingangsphase enthält entsprechend der Fächer und dem Sozial- und Arbeitsverhalten Kriterienkataloge.
    Für das Fach Musik zum Beispiel können es beispielweise Kriterien wie folgt sein:
  • „Zeigt sich motiviert beim Improvisieren “
  • „Erfasst Melodien und Musiktexte schnell“

Für das Fach Mathematik ist der vorgesehene Kriterienkatalog oft differenzierter, unterteilt in Unterbereiche wie Arithmetik, Geometrie oder Sachrechnen und diese wiederum sind erneut in Unterkategorien aufgeteilt. Die Bewertung der Leistung entsprechend der Kriterien erfolgt beispielweise durch ein Kreuz auf einem Polaritätsprofil oder in einem Kästchen kann angekreuzt werden, ob eine Fähigkeit „ausgeprägt vorhanden“ „vorhanden“, „teilweise vorhanden“ oder „nicht/oder kaum vorhanden“ ist.

Welche Kriterien zur Leistungsbeurteilung in die Ankreuzzeugnisse aufgenommen werden, ist noch in der Erprobungsphase und Entwicklung.

Eine Schwierigkeit wird sein, die Kriterien so verständlich zu formulieren, dass sie auch von akademisch nicht vorgebildeten Eltern verstanden werden können. Auch die Kinder möchten gern ihr Zeugnis verstehen. Die umfangreichen Ankreuzzeugnisse erfordern von den Eltern eine intensive Auseinandersetzung mit dem Zeugnis. Je nach Vereinbarung und ministeriellen Vorgaben würden Ankreuzzeugnisse zusätzlich Zensuren enthalten, die Eltern von früher kennen. Eltern möchten am Ende eine Antwort auf Frage haben „Ist mein Kind ein guter Schüler in Mathematik?“ Das Ankreuzzeugnis wird ihnen die Antwort nicht so leicht machen sondern oft wird die Antwort differenziert ausfallen: "Mein Kind ist gut in der und der Hinsicht im Fach Mathematik aber nicht gut beispielweise beim „Nutzen von Rechenstrategien“. Was werden Eltern mit dieser Information tun?

Ankreuzzeugnisse werden in ihrer Bewährungsphase zeigen müssen, ob sie dem Sinn eines Zeugnisse förderlich sind oder eher Verwirrung und Streit über die Leistung eines Schülers und seines Arbeitsverhaltens erzeugen.

Zensurenfindung ist anspruchsvoll: Kommentar


Die Bewertung einer Schülerleistung ist nach wie vor eine zentrale, anspruchsvolle Aufgabe für Lehrer. Ein Computer, der mit Leichtigkeit ein arithmetisches Mittel errechnet, kann und darf sie nicht ersetzen. Unabhängig davon, ob die Bewertung als Ziffer oder/und Wortgutachten erfolgt, ob Kopfnoten zum Arbeits- und Sozialverhalten auf einem Zeugnis stehen, kann man sich nicht darüber hinweg täuschen, dass für Lehrer ein Ermessensspielraum bleibt. Dieser Ermessensspielraum ist die Quelle für Streit und Ärger aber auch Ansporn, sich immer wieder neu um eine Optimierung der Leistungsbewertung zu bemühen. Der Beamtenstatus von Lehrern, der ihnen eine gewisse Unabhängigkeit von kleinen und großen Formen der Bestechlichkeit garantiert, unterstützt einen Lehrer traditionell darin, diesen Ermessensspielraum verantwortungsvoll wahrzunehmen. Ein guter Lehrer wird Kriterien für die Leistungsbewertung immer wieder so transparent wie möglich machen und Schülern Anregungen und Hilfestellungen geben, gute Leistungen zeigen zu können. Gute Lehrer werden auch versuchen sich eigener Vorurteile gegenüber Schülern bewusst zu werden, zum Beispiel gegenüber Mädchen oder Jungen, gegenüber Kindern aus bildungsfernen Schichten oder mit Migrationshintergrund.

Es schadet nicht im Zweifelsfall die bessere Zensur zu geben, sondern das gibt Schule „ein menschliches Gesicht“. Bei der Vergabe von beruflichen Chancen sind Zensuren nur ein Faktor. Die Zensur wird überbewertet. Oft kann man Arbeitsproben einreichen, an Interviews teilnehmen oder einen Probeunterricht besuchen. Eine auffallend schlechte Einzelzensur kann bei einer Bewerbung auch durch eine Selbsteinschätzung erklärt werden, so dass eine schlechte Zensur eine andere Sichtweise erhalten kann.

Buch- und Linktipps


Buchtipp:

Felix Winter
Leistungsbewertung:
Eine neue Lernkultur braucht einen anderen Umgang mit den Schülerleistungen
Schneider Verlag / 5. Auflage 2012

Linktipps:

Pressemitteilung des Verwaltungsgerichts Braunschweigs zur Zensur,
die vom rechnerischen Durchschnitt abweicht.
» www.verwaltungsgericht-braunschweig.niedersachsen.de

Beispiele für mögliche Ankreuzzeugnisse:
Grundschule Harmonie; Städtische Gemeinschaftsschule Wienbredeschule.
» Ankreuzzeugnis.pdf
» Tabellenzeugnis.pdf

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