Über den Autor/die Autorin

Christine  Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

Graffiti - zwischen Kunst und Vandalismus

von Christine Kammerer



© sardinelly - Fotolia.de
Graffiti ist Kunst…

Graffiti ist der Plural des italienischen Worts graffito, das sich etymologisch aus dem Alt-Griechischen graphein ableitet und schreiben bedeutet.

Die heute am weitesten verbreitete Form ist das so genannte
Style-Writing oder kurz Writing, das im Wesentlichen auf Schrift basiert. Die Writing-Szene, deren Wurzeln in den USA liegen, hat ihre ganz eigene Sprache entwickelt, so dass auch hier die englischen Begriffe Verwendung finden.

Das Writing hat durchaus künstlerischen Anspruch:
Dem Writer, also dem Urheber wird Anerkennung nur dann zuteil, wenn er einen wirklich einzigartigen und innovativen Style prägt. Ziel des Writers ist es, seinen Ruhm (Fame) zu mehren, die Szene erkennt ihn jedoch nicht nur am Pseudonym, mit dem er seine Werke zeichnet, sondern vor allem an ästhetischen Kriterien.

Writing ist heute vor allem ein Element des Hip Hop, deren Anhänger sich einer Kultur der gewaltfreien Austragung von Konflikten verschrieben haben. Der Wettstreit (Battle) wird auf die künstlerische Ebene verlagert und z. B. in Form des weltweit größten Writing-Battles Write4Gold ausgetragen.

…aber auch Vandalismus

Die meisten Bürger wissen Graffiti als Kunstform nicht zu schätzen, was nicht nur daran liegt, dass Uneingeweihte die versteckten Codes oft nicht entschlüsseln können.

Eine trostlose Bauruine inmitten der Stadt mag durch Graffitikunst einen Anstrich morbider Ästhetik bekommen oder gar zum Schmunzeln oder Staunen anregen - Hausbesitzern dagegen sind sie nicht nur aus ästhetischen Gründen ein Dorn im Auge. Sie bleiben auf den Kosten für die Renovierung sitzen, wenn - wie so oft - der Urheber nicht ermittelt werden kann.

Allein in Deutschland betragen die Kosten für die Beseitigung illegaler Graffiti pro Jahr circa 500 Millionen Euro und entfallen zur Hälfte auf private Eigentümer - da erscheint das Urteil "Vandalismus" nachvollziehbar.

Juristisch gesehen handelt es sich schlicht um Sachbeschädigung, zumal es auch unter den Sprayern viele schwarze Schafe gibt, denen es nicht um die Kunst sonder um das Abreagieren von Frust geht. Ihre Werke werden nach den Kodices der Szene als Bombings gebrandmarkt - dilettantisch gesprayte Bilder, doch dieser feine Unterschied entgeht den Laien.

Rück-Eroberung von Frei-Räumen

Es gibt gerade in Großstädten immer weniger Räume, innerhalb deren Jugendliche Freiheiten ausleben, Grenzen austesten und sich unter Gleichaltrigen Anerkennung und Zuwendung verschaffen können.

Die Graffiti-Bewegung ist geradezu symptomatisch für das Bedürfnis nach Rück-Eroberung solcher Frei-Räume durch eine Jugendkultur, die so auch auf diverse Missstände aufmerksam macht: Nicht nur Wände, sondern prinzipiell alle im öffentlichen und privaten Leben sich anbietenden Flächen müssen daran glauben und mit der Zeit wurden Größe und Aufwand der einzelnen Writings bzw. Tags immer größer, da es für einzelne Akteure aufgrund der rasant zunehmenden Zahl an Writern bzw. Taggern immer schwieriger wurde, mit ihren Hinterlassenschaften Aufmerksamkeit zu erregen.

Graffiti eroberte Brücken, Wohnhäuser und schließlich U-Bahnen, die sich als mobiles Transportmittel besonderer Beliebtheit erfreuten, weil sie das Kunstwerk zu einer Vielzahl von Menschen brachten und sich so als besonders geeignetes Mittel zur Verbreitung des Ruhms erwiesen.

Grauzone als natürlicher Lebensraum

Graffiti als etablierte Kunstform wie sie z. B. während der WM 2008 sozusagen mit Eventcharakter in den öffentlichen Raum getragen oder mittlerweile auch in der Werbung aufgegriffen wurde, haben mit dem Kult einer Jugendszene, der nicht nur eine Modeerscheinung sondern einen Lebensstil verkörpert, wenig zu tun.

Graffiti will ja gerade kein Bestandteil der etablierten Medienkultur sein, sondern sozusagen ein Gegenmedium, das sich bewusst in Grauzonen am Rande der Gesellschaft bewegt.

Die Anonymität, die aus strafrechtlichen Gründen gepflegt wird, gehört ebenso zum Image wie der Bekanntheitsgrad innerhalb der Szene, die darüber Stillschweigen bewahrt, was wiederum den Zusammenhalt erhöht.

Graffiti ist nicht einfach l'art pour l'art, sondern vermittelt immer auch eine Botschaft zwischen den Zeilen oder wie der spanische Graffiti- Künstler
Raúl Ruíz es formuliert:

"Ich versuche einen Blick dafür zu entwickeln, wo meine Bilder stören und suche Wände aus, um die sich niemand kümmert."

Linktipps

Wikipedia: Graffiti
http://de.wikipedia.org/wiki/Graffiti

Stagl, Katrin: Medien und deren Relevanz in Jugendkulturen mit besonderer Berücksichtigung der Jugendszene der Graffiti-Sprayer.
Bakkalaureatsarbeit, 2007
http://textfeld.ac.at/text/853

Vandalismus in Jogginghose
http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,604652,00.html

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