Über den Autor/die Autorin

Dr. Birgit Ebbert

Dr. Birgit Ebbert ist freie Autorin und Lernbegleiterin und seit vielen Jahren in der Elternarbeit und Lehrerfortbildung tätig. Als Diplom-Pädagogin und Lerntherapeutin unterrichtet sie Schüler in ihren Lerncentern Die Lernbegleiter und als Autorin schreibt sie vom Krimi bis zum Elternratgeber alles, was ihr Spaß macht und wichtig erscheint.

Mit Tod und Trauer in der Schule umgehen

von Dr. Birgit Ebbert



© Nikolay Titov - iStockphoto.com
Auch wenn viele Schüler nicht so gerne zur Schule gehen, so ist sie doch so etwas wie ein zweites Zuhause oder eine zweite Familie. Hier verbringen sie sehr viel Zeit, hier treffen sie ihre Freunde und hier bekommen sie eine Struktur in ihr Leben. Daher werden sie hier auch mit dem Leben in all seinen Facetten konfrontiert und sie tragen alles, was sie in ihrer Familie erleben, hierher.

Alles ist anders

Dazu gehören Tod und Trauer, auch wenn die in unserer Gesellschaft noch immer gerne tabuisiert werden. Es muss nicht der Amoklauf sein, der den Tod in die Schule trägt, er ist sicher eine besondere Form, auf die dann auch mithilfe von Experten reagiert werden muss.

Die schwere Krankheit eines Elternteils, der Großeltern, eines Geschwisterkindes, eines Mitschülers, eines Lehrers lassen einen Schüler nicht los, weder zu Hause noch in der Schule. Auch wenn der Schüler wie es bei älteren Schülern der Fall ist, scheinbar cool reagiert, so beeinflusst die Krankheit und der zu erwartende Verlust seine Leistung und seine Stimmung. Das gilt für den Tod gleichermaßen, hier gilt es den Alltag zu durchleben und in eine Zukunft zu blicken, in der jemand fehlt - am Nachbartisch in der Schule, am Lehrerpult oder in der Familie.

Die Schule, die Lehrer und die Mitschüler haben nicht nur die Aufgabe, sondern die Pflicht, auf diese Situationen zu reagieren. Wie das aussehen kann wird in den nächsten Kapiteln beschrieben.

Wichtig ist aber zu wissen, welche Phasen Kinder und Jugendliche im Umgang mit dem Tod durchlaufen können, in welcher Intensität dies geschieht, ist abhängig vom Einzelnen und natürlich davon, was das Umfeld zulässt.

Am Anfang steht der Schock, der mehr oder weniger groß ist, je nachdem, ob eine lange Krankheit vorausging oder der Tod durch einen Unfall oder ein anderes Ereignis plötzlich eintrat. Oft wird der Tod in dieser Phase geleugnet, Kinder und Jugendliche reagieren entweder völlig überdreht oder apathisch. Sobald die Tatsache realisiert wird, treten nicht selten körperliche Symptome auf, z. B. Kopf- oder Bauchschmerzen, Appetitmangel, Schlafprobleme, ja sogar Fieber.

Oft wird der Schock abgelöst von einer unbändigen Wut, die sich gegen reale Personen, sogar gegen den Verstorbenen, oder imaginäre Institutionen richtet und sich auch in aggressivem Verhalten äußern kann, vor allem bei Kindern, die sich körperlich abreagieren müssen.

Nicht selten werden aus den Schuldzuweisungen Schuldgefühle, der Tod wird mit eigenem Verhalten verknüpft wie "Wäre ich nicht so gemein gewesen" oder "hätte ich auf ihn gewartet". Plötzlich hängen vorangegangene Auseinandersetzungen wie Damoklesschwerter in der Luft und nehmen den Kindern den Atem. Manche Kinder werfen sich sogar vor, dass sie selbst noch leben statt des verstorbenen Bruders oder der verstorbenen Mutter.

Viele Kinder und Jugendlicher erleben zum ersten Mal, dass ein vertrauter Mensch stirbt und das Sterben "nie wieder" bedeutet. Das schürt Ängste davor, selbst zu sterben oder auch weitere nahestehende Menschen zu verlieren. Gerade Jugendliche reagieren auf den Tod eines nahestehenden Menschen mit Regression, sie fallen zurück in alte Verhaltensmuster, auch wenn sie bis dahin vernünftig erschienen, sie flüchten in die Außensteuerung, die sie als Kind erlebt haben, um die Härte des Lebens auszublenden. Kinder werden u. U. wieder zu Bettnässern.

Am Ende des Trauerprozesses steht die Anpassung an die Realität, das schrittweise Zurückkommen in den Alltag. Dieser Schritt ist wichtig, aber auch schwer, weil er verbunden ist mit einer Neuorientierung in einer Welt, die anders geworden ist.

Verwaiste Kinder

Wenn ein Familienmitglied stirbt, entsteht nicht nur eine Lücke, das ganze Leben eines zurückbleibenden Angehörigen verändert sich. Für Kinder und Jugendliche ist dies besonders schwierig, weil sie jeden Tag der Lücke begegnen. Der Platz am Tisch bleibt leer, das Lieblingsessen gibt es nicht mehr und der geplante Besuch des Fußballspiels findet nie mehr statt. Heranwachsende stehen zu Hause vor den Scherben ihrer kleinen Welt.

Auch wenn die Schule nicht der beliebteste Ort für viele Schüler ist, so ist sie doch die einzige Konstante, die bleibt. Daher hat die Schule beim Tod des Angehörigen eines Schülers eine besonders wichtige Aufgabe. Wie diese gelingt, hängt davon ab, wie der Angehörige in der Klasse und in der Schule empfangen wird.

Es ist wichtig, dass die Klasse geschlossen oder der Lehrer in Vertretung auf die Situation eingeht, auch wenn sie den Mitschüler bei der Beerdigung gesehen haben. Je nachdem ist es angebracht, zum Ausdruck zu bringen, dass es der Klasse leid tut, dass der Vater, die Mutter, der Bruder des Mitschülers gestorben ist. Wichtig ist aber auch, deutlich zu machen, dass sich die Klasse über die Rückkehr des Mitschülers freut, damit er sich aufgehoben fühlt.

Der Lehrer sollte darauf hinweisen, dass der betroffene Mitschüler jederzeit die Klasse verlassen darf, falls er sich dem Alltag noch nicht gewachsen fühlt. Das ist wichtig, damit der Schüler weiß, dass die anderen ihn nicht für einen Sonderling halten oder komische Bemerkungen machen.

Gut ist, wenn der Lehrer bereits vor dem ersten Schulbesuch nach dem Tod mit dem Schüler spricht und mit ihm abklärt, ob er der Klasse erzählen möchte, was passiert ist, um die Distanz, die durch den Tod entstanden ist, zu überbrücken. Um den Übergang zum Alltag zu erleichtern, empfiehlt es sich, die Klasse einzubeziehen, z. B. mit der Frage "Wer kann xxx sagen, womit wir uns in der letzten Woche beschäftigt haben?" Das bringt den Alltag zurück, allerdings in einer offeneren Atmosphäre, die dem Mitschüler erlaubt, sich wieder einzugewöhnen.

Der Platz bleibt leer

Besonders direkt kommt der Tod in die Schule, wenn ein Schüler stirbt. Er hatte einen festen Platz in seiner Klasse oder in seinem Kurs, er hatte seine Zeile im Kalender des Lehrers und er hatte eine Rolle in der Klasse, die des Klassensprechers oder die des Klassenclowns, die des Strebers oder die des Störenfriedes. Wie auch immer er eingebunden war, der leere Stuhl am Tag seines Todes oder am Tag danach lähmt alle.

Hier ist es besonders wichtig, auf diese Leere einzugehen, die Mitschüler so früh wie möglich zu informieren und ihnen so genau wie möglich zu erklären, was passiert ist. Der Tod wird ohnehin Gesprächsthema Nummer eins unter den Schülern sein, doch sollte die Trauer im Vordergrund stehen und nicht das Rätseln über die Art des Todes. Daher ist es wichtig, dass die ganze Schulgemeinschaft über den Tod informiert wird und zwar, wenn eben möglich, zeitgleich und auf jeden Fall persönlich, damit keine Unsicherheiten entstehen.

Gerade in einer solchen Situation benötigen die Schüler das sichere Korsett des Schullebens. Deswegen ist es im Übrigen auch nicht ratsam, die Schüler früher nach Hause zu schicken und sie damit womöglich sich selbst zu überlassen. Besser ist es, ihnen nach der Nachricht Gelegenheit zu geben, Fragen zu stellen, aufzustehen und die Freunde an anderen Tischen zu umarmen u. ä.

Der Lehrer, der die Klasse des verstorbenen Schülers informiert, sollte nicht alleine in die Klasse gehen und sich Unterstützung von einem Kollegen/einer Kollegin oder einem Pädagogen aus der Ganztagsbetreuung holen.

Um die genaue Information zu gewährleisten, sollte der Klassenlehrer, möglicherweise begleitet von einem Kollegen, den schweren Gang zu den Eltern antreten und sich aus erster Hand informieren lassen oder zumindest mit ihnen telefonieren, damit keine falschen Informationen gestreut werden. Auch wenn die Zeit für die Eltern besonders schwer ist, werden sie in der Regel froh über die Anteilnahme sein, da ihr Kind einen Großteil der Zeit in der Schule verbracht hat. Sowohl bei den Eltern als auch bei der Information in der Klasse ist es erlaubt, ja sogar wichtig, als Lehrer authentisch zu bleiben und seine Betroffenheit zu zeigen.

Schüler dürfen erleben, dass es Situationen gibt, die ihre Lehrer belasten. Sie müssen jedoch auch erfahren, dass Lehrer sich diesen Situationen stellen, indem sie z. B. über das Geschehene sprechen, indem sie auch ihre unklaren Gedanken formulieren.

Oft können Schüler ihre Trauer nicht in Worte fassen. Sie sitzen nur starr da und wissen nicht, wie Gespräche weitergehen sollen. Hier ist es am besten, ihnen eine konkrete Aufgabenstellung zu geben. Das kann keine fachliche Aufgabe sein, aber die Frage: "Was meint ihr, wie könnten wir den Eltern helfen?" oder "Habt ihr Ideen, wie wir an xx erinnern könnten?" Auf solche Fragen sind konkrete Antworten möglich wie "einen Besuch machen" oder "eine Karte basteln", "eine Kerze an seinen Platz stellen" oder "sein Bild mit einer Kerze in die Aula stellen", "ein Buch auslegen, in dem sich alle eintragen" oder "ein Gedicht für ihn ins Internet stellen".

An einem der nächsten Tage sollte mit den Schülern geklärt werden, wie die Klasse sich an der Beerdigung beteiligt, ob sie etwas vorträgt, ob sie als Gruppe oder jeder einzeln dort hingeht. Das ist davon abhängig, was die Eltern wünschen, ob der verstorbene Mitschüler einer Religionsgemeinschaft angehörte und welche Rituale dort vorgesehen sind, wie weit der Beerdigungsort entfernt ist, wann der Termin ist.

In jedem Fall kann von den Schülern nicht erwartet werden, dass sie am nächsten Tag zur Tagesordnung übergehen. Der Platz in der Klasse bleibt leer und auch wenn die Schule Struktur geben muss, so muss sie Raum der Trauer bleiben und die trägt bei jedem Einzelnen andere Züge.

Er kommt nicht wieder

Besonders schwierig für das Kollegium ist es, mit dem Tod eines Lehrers umzugehen. Oft haben sich über Jahre der Zusammenarbeit berufliche Freundschaften entwickelt, die mit einem Mal zu Ende sind. Gleichzeitig müssen die Kollegen dafür sorgen, dass der Schulbetrieb weitergeht und die Schüler ein Höchstmaß an Normalität erleben.

Nur durch einen strukturierten Schulalltag kann die Unsicherheit der Schüler aufgefangen werden, die sich angesichts des Todes eines Lehrers, der möglicherweise im Alter der Eltern ist, breit macht. Wenn ein Lehrer stirbt, können auch meine Eltern sterben, das ist ein Gedanke, der Angst macht, ja sogar lähmen kann.

Deswegen ist auch hier die Information über die Hintergründe des Todes wichtig. Die Schüler müssen den Tod einordnen können, solange er diffus bleibt, werden Ängste geschürt, weil sie nicht wissen, in welcher Situation der Tod kommen kann. Auch beim Tod eines Lehrers ist es wichtig, dass alle Schüler zeitgleich informiert werden, um von vorneherein keinen Raum für Spekulationen zu lassen. Zusätzlich sollten die Eltern mit einem Schreiben informiert werden, damit sie Äußerungen ihrer Kinder einordnen und das Thema Tod in Ruhe zu Hause noch einmal thematisieren können.

Letztlich unterscheidet sich die Trauerarbeit beim Tod eines Lehrers nicht sehr von der beim Tod eines Mitschülers, es ist entscheidend, dass die Schüler Zeit für die Trauer bekommen und Gelegenheit, ihre eigenen Rituale zu entwickeln und umzusetzen. Diese können auf Erwachsene mitunter merkwürdig wirken, aber auch hier gilt: Jede Generation hat ihre Wege.

Links & Literatur

Links

Weiterführende Information zum Thema Tod und Trauer in der Schule
www.familienhandbuch.de/...

Seelsorge an der Schule
http://schulpastoral.drs.de/schulseelsorger.html

Trauerportal für Kinder und Jugendliche
www.kinder.trauer.org/

Literatur

Jürgen Karasch: Grenzerfahrung - Umgang mit Tod in der Schule.
Stuttgart 2008
Grenzerfahrung: Tod Umgang mit Trauer in der Schule (PDF, 1.43 MB)

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