Über den Autor/die Autorin

Dr. Gabriela  Teichmann

Dr. Gabriela Teichmann ist Journalistin und Coach, sie begleitet Menschen und Organisationen in Veränderungssituationen. Als Freie Journalistin und Buchautorin schreibt sie über die Themen Gesundheit, Bildung, Hirnforschung und Psychologie. Ihr Kinder- und Jugendbuch “Der grüne Zauberschal” handelt von dem Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten. Es ist als Taschenbuch und als (duftendes) Hörbuch erschienen.

Wer war eigentlich Janus Korczak?

von Dr. Gabriela Teichmann



© Weigand - Photocase.com
Janusz Korczak – ein Leben für die Kinder Janusz Korzcak ist ein Name, der einem heute höchstens noch als Namensteil einer Schule begegnet, dabei war er Anfang des 20. Jahrhunderts in Polen ein berühmter Schriftsteller und vor allem der bekannteste Reformpädagoge. Doch nicht seine Werke haben ihn über seinen Tod hinaus zum Sinnbild für Menschlichkeit und gelebtes Engagement für Kinder gemacht.

Als er am 5. August 1942 zusammen mit "seinen" 200 Kindern, den Kindern aus seinen Kinderheimen "Dom Sierot" und "Nasz Dom", in den Tod ging, machte er sich, ohne es zu wollen unsterblich. Er hätte sein Leben retten können, doch ihm war es wichtiger, seine Kinder auf dem Weg in den Tod zu begleiten.

Janusz Korczak wuchs als Henryk Goldszmit in einer angesehenen, wohlhabenden Familie auf. Bereits damals zeigte sich, dass er wenig übrig hatte für Klassenunterschiede, er schlich sich davon und spielte mit den Kindern, denen es weniger gut ging. Vermutlich haben ihn diese Eindrücke nachhaltig geprägt, aber sicher auch die Erfahrung, dass die Familie nach dem Tod des Vaters verarmte und nur mit Mühe überleben konnte. Er hat beide Seiten des Lebens kennen gelernt und auch wenn er sich als angesehener Arzt, als anerkannter Schriftsteller, als Dozent und Radiomitarbeiter wieder nach oben gearbeitet hatte, blieb sein Herz doch immer bei den Ärmsten, die zu verwahrlosen drohten.

Bereits als Schüler Henryk begann Janusz Korczak zu schreiben. Seine erste Veröffentlichung war es auch, durch die er zu dem Namen Janusz Korczak kam. Er hatte diesen Namen als Pseudonym für einen Wettbewerbsbeitrag gewählt und hat ihn dann Zeit seines Lebens behalten.

Seine Leidenschaft fürs Schreiben legte Korzcak auch als Arzt und Leiter des Waisenhauses "Dom Sierot" nicht ab. Seine Themen änderten sich nur wenig, während er in seinen Romanen "Kinder der Straße" und "Kind des Salons" seine eigene Kindheit beschrieb, schilderte er in "Wie man ein Kind lieben soll" und "Das Recht des Kindes auf Achtung" die Leben seiner Waisenhauskinder und seine Ideen für ein menschen- und kinderwürdiges Leben, die in Abschnitt 2 und 3 ausführlicher beschrieben werden.

Sogar in einem Kinderroman verarbeitete er seine Vision, in "König Hänschen!", auch: "König Macius" ("Krol Macius"), nämlich, wo er einen Jungen zum König macht und einen Staat lenken lässt.

Zwischen Waisenhaus und Kinderparlament – Korczaks Erfahrungsfelder Als Janusz Korczak 1912 die Leitung des Waisenhauses "Dom Sierot" übernahm, das nach seinen Plänen gebaut worden war, ahnte er wohl noch nicht, dass es zum Mekka für Reformpädagogen aus aller Welt werden würde. Sie erlebten vermutlich erstmals ein helles, freundliches, offenes Gebäude, in dem sich Groß und Klein wohl fühlen konnten. Im Gegensatz zu den Kindern in anderen Waisenhäusern jener Zeit, die Verwahranstalten glichen, wirkten die Kinder hier selbstbewusst, fröhlich und verantwortungsbewusst.

Dass Kinder hier in die Verantwortung einbezogen wurden, war bereits an der grünen Fahne zu sehen, die auf dem Dach des Gebäudes wehte. Sie war das Symbol der Kinderrepublik, die sich im "Dom Sierot" in einem Kinderparlament und einer Selbstverwaltung widerspiegelte. Ein Kameradschaftsgericht sorgte dafür, dass Verfehlungen angemessen geahndet wurden und mit ihrer Zeitung "Die kleine Rundschau" ("Maly Przeglad") brachten die Kinder selbst ihre Ideen, ihre Sorgen und ihre Wünsche in die ganze Welt. Die Zeitung erschien ab 1926 als Beilage zur jüdischen Zeitung "Unsere Rundschau" ("Nasz Przeglad").

Auch hier zeigt sich, dass Korczak in vielen Dingen Vorreiter war, Zeitungen von Kindern für Kinder sind heute keine Seltenheit mehr, sie scheitern eher an den finanziellen Mitteln als an der Bereitschaft der Erwachsenen, Kinder in die Zeitungsproduktion zu integrieren und ihnen die Verantwortung zu übertragen.

Betrachtet man sich die modernen Formen des Kameradschaftsgerichts wie "Streitschlichter" o. ä. in Schulen und deren Konzepte, stellt man schnell fest, wie nah sie Korczaks Vorstellungen kommen, die er wie übrigens auch die Konzepte seiner anderen Institutionen in dem Buch "Wie man ein Kind lieben soll" genau beschrieben hat.

Hier liest man vom "Gesetzbuch des Kameradschaftsgerichtes", dessen Prämisse lautet: "Wenn jemand etwas Böses getan hat, so ist es am besten, ihm zu verzeihen. Wenn er es getan hat, weil er es nicht besser wusste, so weiß er es jetzt. Wenn er unabsichtlich etwas Böses getan hat, so wird der in Zukunft vorsichtiger sein. Wenn einer etwas Böses getan hat, weil es ihm schwerfällt, sich anzupassen, wird der sich nun damit Mühe geben. … Aber das Gericht muss die Stillen beschützen, damit die Starken ihnen nicht das Leben schwer machen."

Die Richter, so Korzcak, "werden durch das Los aus dem Kreise derer bestimmt, gegen die im Laufe einer Woche keine Streitsache anhängig war." Vielleicht lohnt es sich, diesen Text als Lektüre für den Unterricht zu wählen und mit den Schülern an diesem Beispiel ins Gespräch zu kommen über Recht und Unrecht und die Möglichkeiten eine Schule zu entwickeln, in der sich alle wohl fühlen - die Starken und die Schwachen.

Das Recht des Kindes auf Achtung – Korczak als Anwalt des Kindes Janusz Korczak war der erste, der davon sprach, dass es für Kinder Rechte geben muss. Er formulierte solche Rechte in seiner "Magna Charta Libertatis".

Drei Grundrechte waren es, die seiner Meinung nach über allem stehen mussten:
  • Das Recht des Kindes auf seinen Tod.
  • Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag.
  • Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist.


Schon das "Recht des Kindes auf seinen Tod" war Korczaks Plädoyer dafür, dass Ereignisse aus der Sicht des Kindes gesehen werden müssen und nicht die Wünsche und die Ängste der Erwachsenen im Vordergrund stehen dürfen.
Angesichts der Gefahren, die heute der Straßenverkehr bietet, mag das überholt klingen und sicher muss dieses Recht aus seiner Zeit gesehen werden. Als Korczak diese Rechte in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts formulierte, wurden Kinder noch als eine Art "Puppen" ihrer Eltern angesehen, deren Interessen keine Rolle spielten.

Korczak war kein Verfechter einer laissez-faire-Erziehung, ihm war klar, dass Kinder Grenzen hatten und brauchten, doch diese mussten von ihnen kommen oder mit ihnen erarbeitet werden wie es z. B. in dem oben erwähnten Kameradschaftsgericht erfolgte. Aber gerade in unserer Zeit, in der die Kinder z. T. auch überbehütet werden, nicht mehr mit Schmutz spielen oder auf Bäume klettern dürfen, aus Angst, sie könnten krank werden oder sich verletzen, kann Korczaks "Recht des Kindes auf seinen Tod" zum Nachdenken anregen. Seine Umsetzung verlangt Augenmaß und starke Nerven, aber auch, darüber nachzudenken, woher die eigenen Ängste kommen und ob sie nicht möglicherweise auf die Kinder projiziert werden.

Mit dem "Recht des Kindes auf den heutigen Tag" wollte Korczak deutlich machen, dass nicht alle Aktivitäten der Eltern und der Erwachsenen auf die Zukunft ausgerichtet sein sollten. Kinder müssen die Welt selbst entdecken dürfen, ohne dass sie sich gleich auf die Schule oder die Übernahme der Praxis der Eltern, auf eine Ausbildung oder die Erfüllung der Träume ihrer Eltern vorbereiten. Auch dieses Recht ist heute aktueller denn je, wenn man sich anschaut, dass Vorschulkinder bereits Sprachkurse besuchen und schon Erstklässler den Druck in der Schule spüren, damit sie eine Gymnasialempfehlung erhalten. Sicher werden die Weichen für die Zukunft früh gestellt, viele Dinge eignen sich Kinder jedoch auch ohne Spezialkurs und Druck an, wenn sie sich entfalten können, neugierig sein dürfen und ein anregendes Lebensumfeld haben.

Dass die Zukunft für jedes Kind anders ist, formuliert Korzcak indirekt in seinem "Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist". Es ist z. B. nicht jedes Kind zum Leistungssportler geboren, daran werden auch Training und Druck nichts ändern, wer in sich nicht den Drang zum Gewinnen spürt, den locken irgendwann auch keine Belohnungen mehr. An diesem Beispiel wird deutlich, wie aktuell Korczaks 90 Jahre alter Gedanke ist. Jedes Kind sollte so angenommen werden, wie es ist, mit seinen Schwächen und natürlich auch mit seinen Stärken.

Es benötigt Begleitung und Förderung, um sich zu entwickeln, allerdings nicht in Form von Zwang oder Kursen, sondern in Form von Angeboten. Ein Kind, das z. B. keine Zahlen mag, wird sich damit beschäftigen, wenn die ganze Familie am Tisch sitzt und ein Zahlenspiel spielt, weil es mittun möchte. Es ist nicht immer leicht, ein Kind so zu nehmen, wie es ist, da sind Kreativität und auch das Zurückstellen eigener Wünsche nötig.

Korczak hat seine Ideale nicht nur mit Blick auf das Waisenhaus, das er leitete, oder die Familie gesehen. Er sah durchaus auch Chancen, sie in der Schule umzusetzen und hat das in seiner Modellschule sogar zwei Jahre getan. Natürlich geraten Lehrer an Grenzen, sie können Kinder schon aus Haftungsgründen nicht alles ausprobieren lassen.

Doch vor allem dem "Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist" kann in der Schule Rechnung getragen werden, durch individuelle Förderung und durch die Berücksichtigung der individuellen Besonderheiten; ein schüchternes Kind z. B. wird nun mal keine guten Noten in der mündlichen Mitarbeit bekommen, aber dafür seine Hausaufgaben besonders sorgfältig machen. Die Möglichkeiten sind vielfältig für diejenigen, die dieses Recht umsetzen möchten.

Links & Literatur

Links


Umfassende Informationen über Leben und Werk Janusz Korzcaks
http://www.janusz-korczak.de/

Kurze Originaltexte von Janusz Korczak
http://www.janusz-korczak.de/korczak_puenktlichkeit.html

Sachtext über Janusz Korczak für Kinder
http://www.labbe.de/zzzebra/index.asp?themaid=669&titelid=4865


Literatur


Erich Dauzenroth:
Ein Leben für Kinder.
Göttingen 1996

Janusz Korzcak:
Das Recht des Kindes auf Achtung.
Göttingen 2008

Janusz Korczak:
Wie man ein Kind lieben soll.
Göttingen 2005

Janusz Korczak:
Der kleine König Macius: Eine Geschichte in zwei Teilen für Kinder und Erwachsene.
Die vollständige Ausgabe (HERDER spektrum) (Kinderbuch) Freiburg 2010

Tomek Bogacki, Janusz Korczak:
Ein Held der Kinder (Bilderbuch)
München 2010


Foto: Weigand/Photocase

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