Über den Autor/die Autorin

Hildegard Dierks

Hildegard Dierks hat ihr Lehramtsstudium in den Fächern Englisch und Pädagogik für die Sekundarstufen I und II absolviert und an der Universität Bielefeld das Magisterstudium mit dem Schwerpunkt Computerlinguistik abgeschlossen. Sie arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin für verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestütztes Lernen aber auch schulpolitische Themen. Seit einigen Jahren ist sie begeisterte Anhängerin des sog. E-Learnings einer internetgestützten, zeitlich flexiblen Form des Studiums und der beruflichen Weiterbildung. Neben Lehrheften lernt man beim E-Learning auch in betreuten Chats und Webinaren. Frau Dierks lebt mit ihrer Familie in Ostwestfalen. In ihrer Freizeit hört sie gern Hörbücher und spielt Akkordeon.

Körpersprache im Unterricht

von Hildegard Dierks



© George Doyle - iStockphoto.com

Über die Körpersprache im Unterricht


Weder Lehrer noch Schüler kommunizieren im Unterricht ausschließlich verbal sondern immer auch mit dem Körper vor allem mit unserer Mimik und Gestik. In der Fachliteratur geht man von einem circa 80-prozentigem körpersprachlichem Anteil am Unterrichtsgeschehen aus. Ein Schülerbeitrag wird mit Kopf nicken bestätigt oder abgelehnt.

Unsere Körpersprache verrät viel über unsere Emotionen und Einstellungen. Die Signale der Körpersprache im Unterricht wahrzunehmen, sie im Gesamtzusammenhang zu deuten ist wichtig für erfolgreichen Unterricht. Auch einer Neubewertung von Körpersprache in Anbetracht aktueller Unterrichtsentwicklungen ist angezeigt.

Unter Mimik verstehen wir wechselnde Gesichtsausdrücke beispielsweise das Lächeln, der Blickkontakt, der abgewandete Blick, die gerümpfte Nase, die hochgezogenen Augenbrauen oder das Erröten. Gestik umfasst das Repertoire unserer Gebärden, das Hantieren mit dem Zeigefinger und der Hände.

Mimik und Gestik sind immer da. Schüler wirken mit ihrer Körpersprache auf Lehrer und umgekehrt. Entsprechend heißt ein Axiom der Kommunikationstheorie von Watzlawick „Man kann nicht nicht kommunizieren.“

Manchmal steht die Körpersprache im Gegensatz zur verbalen Sprache und kann entsprechend Verwirrung und Aggressionen im Unterricht auslösen. Der völlig gelangweilte Blick eines pubertierenden Schülers, der sich dennoch am Unterricht beteiligt, steht möglicherweise für ein typisches Gefühlchaos der Pubertät.

Unsere Mimik und Gestik sind üblicherweise stärker als die verbale Kommunikation nicht immer bewusst gesteuert. In wichtigen Situationen zum Beispiel in einem Konfliktgespräch mit einem Schüler kann die Körpersprache jedoch bei entsprechender Übung bewusst eingesetzt werden, um eine verbale Aussage zu unterstützen.

Über Mimik von Schülerinnen und Schülern


Die Signale der Mimik eines Schülers sind immer im Gesamtzusammenhang einer Unterrichtssituation sowie dem Wissen über die individuelle Situation eines Schülers zu sehen. Sehen wir NUR die Mimik eines Augenblicks und NUR die isolierte Situation, kann es leicht zu Fehlinterpretationen kommen. Das Einbeziehen des Gesamtzusammenhangs ist zum Verständnis der Körpersprache oft noch wichtiger als bei der verbalen Kommunikation.

Im Unterricht spielt der Blickkontakt eine herausragende Rolle. Sucht ein Schüler Blickkontakt, steht dieses oft für seine Aufmerksamkeit. Lehrer lassen ihre Schüler ihrerseits kaum aus den Augen, um eben diese Aufmerksamkeit herzustellen. Interessant sind die Varianten des Blickkontaktes. Weicht ein Schüler oft dem Blickkontakt aus, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er sehr unsicher ist. Ist der Blickkontakt eher eindringlich und lang anhaltend, wirkt es leicht provozierend und angriffslustig. In einem normalen, freundlichen Unterrichtsgespräch wechseln Hinschauen und Wegschauen. So drückt sich Bereitschaft eines Schülers zur Zusammenarbeit aus.

Zieht eine Schülerin die Augenbrauen hoch, wird sie je nach Situation überrascht sein, vielleicht ist sie aber auch entsetzt über etwas. Die senkrechte Falte zwischen den Augenbrauen drückt oft Zweifel, Skepsis oder Wut aus.

Naserümpfen deutet auf Unbehagen oder Abneigung hin.

Fast jeder wird den geöffneten Mund eines Grundschulkindes in bestimmten Situationen als Verwunderung und Staunen interpretieren. Ein weit geöffneter Mund kann in einer anderen Situation auch für Angst oder Entsetzen stehen.

Sind die Lippen einer Schülerin zusammengepresst, steht dieses eher für Anspannung. Kaut eine Schülerin auf den Lippen, ist das Kind ebenfalls angespannt oder überfordert.

Reibt sich ein zappelndes Grundschulkind wiederholt die Augen beim Bearbeiten eines sogenannten Förderbandes, ist das Kind überfordert. Eine individuelle Förderung kann so nicht gelingen und das Kind ist darauf angewiesen, dass ein Lehrer seine Körpersprache wahrnimmt und nach Alternativen für den Schüler sucht.

Die Gesichter von Schülerinnen und Schülern haben anders als die Erwachsener selten eine starke Faltenprägung, weil sie noch jung sind. Um so genauer gilt es hinzuschauen.

Die „richtige“ Körpersprache lernen?


Der Körper eines Lehrers „spricht“ zunächst einmal nicht immer richtig. Mimik und Gestik stets bewusst einzusetzen, wird kaum möglich sein für Lehrerinnen und Lehrer.

Allerdings ist es sinnvoll sich der Wirkung von Mimik und Gestik als Ergänzung zur verbalen Kommunikation immer wieder bewusst zu werden und die Körpersprache vor allem in schwierigen Situationen bewusst einzusetzen, um eine Situation konstruktiv zu lösen.

Nur allgemeine Vorgaben zur Körpersprache sind möglich.

Die wichtigste ist die, dass die Botschaft der Körpersprache nicht im Gegensatz zur verbalen stehen soll. Ein Lehrer, der die Augen verdreht und oft aus dem Fenster schaut, wird nicht viel erreichen. Ist die Situation so, dass ein Lehrer seine ganze Autorität zum Ausdruck bringen muss, so wird er entsprechende Machtsignale (feste Stimme, entsprechende Gestik) aussenden müssen. Es lohnt sich das ganz persönliche körpersprachliche Repertoire in Seminaren kennen zu lernen und auszubauen, um es im Bedarfsfall abrufen zu können. Eine körperlich kleine Lehrerin mit vergleichsweise leiser Stimme, die sich wiederholt in Zensurendiskussionen mit uneinsichtigen groß gewachsenen „Pubertätsschnöseln“ befindet, wird in einer entsprechenden Fortbildung zur Körpersprache im Unterricht einen anderen Schwerpunkt setzen als ein stattlicher Lehrer mit starker körperlicher Präsenz, der eventuell häufig mit aggressiven Situationen konfrontiert ist.

Zur körpersprachlichen Kompetenz von Lehrerinnen und Lehrern gehört aber vor allem die körpersprachlichen Signale der Schülerinnen und Schüler zu sehen und auf sie zu reagieren. In Schulen mit hohem Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund bedeutet dieses auch zu wissen, dass sich Gesten kulturspezifisch stark unterscheiden. Selbst wenn Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund gut Deutsch sprechen, bleibt die Gestik oft in der Muttersprache verhaftet.

Körpersprache und moderne Technik im Unterricht


Die wichtige Interpretation von Mimik und Gestik in der schulischen Realität bedarf erfahrener Lehrer. Mimik und Gestik sind für ihn deutliche Signale, ob Schülerinnen und Schüler weitere Erklärungen bedürfen, ob eine Situation zu eskalieren droht, ob die Aufnahmebereitschaft weiterhin gegeben ist und welche Veränderungen in einer Unterrichtssituation angezeigt ist.

An dieser Stelle wird besonders deutlich, dass ein Lehrer niemals durch einen Computer ersetzt werden kann, denn eine noch so gut programmierte Computersoftware kann die Signale der Körpersprache nicht interpretieren. Je mehr Hilfe Schülerinnen und Schüler beim Lernen benötigen, um so wichtiger ist es sich dieses zu vergegenwärtigen. Das sind vor allem Grundschulkinder oder Schüler und Schülerinnen mit speziellen und allgemeinen Lernschwierigkeiten.

In modernen E-Learning-Konzepten, die auf die Möglichkeiten der Technik setzen, bleibt die Bedeutung der Interpretation der Körpersprache durch erfahrene Pädagogen für erfolgreiches Lernen weitgehend unberücksichtigt. Bei diesen Ansätzen sieht man die Gesichter nicht oder nur eingeschränkt bestimmt durch die Grenzen moderner Technologie.

Können diese Augen lügen? – Kommentar


Wenn man Signale der Körpersprache im Unterricht deutet, hilft es frühzeitig eine ungünstige Entwicklung im Unterricht aufzuhalten. Die Mimik in Schülergesichter zeigt oft untrügerisch etwas über ihre seelische Verfassung und ihre Einstellung zum Unterricht. Schülerinnen und Schüler reagieren ihrerseits auf die Körpersprache ihrer Lehrerinnen und Lehrer.

Der berühmte Pantomime Samy Molcho resümierte einmal: „Körpersprache ist wie gesprochene Sprache aber sie kann nicht lügen.“

Sollen Körpersprache und Verbalsprache eine gelungene Kommunikation ergeben, müssen die Botschaften stimmig sein. Augen und Hände sind nach meiner persönlichen Einschätzung besonders wichtige Instrumente der Körpersprache im Unterricht. Fast niemand von uns schöpft die Möglichkeiten der Körpersprache voll aus.

Links:
Website von Samy Molcho
(1936 geboren, österreichischer Staatsbürger, einer der bedeutendsten Pantomimen des 20. Jahrhunderts, hat die Kunst der Pantomime erstmals um rein psychologische und dramatische Elemente erweitert.)
» www.samy-molcho.at

Buchtipps:

Rudolf Heidemann
Körpersprache im Unterricht.
Ein Ratgeber für Lehrende
Quelle & Meyer, 2009

Julia Kosinár
Körperkompetenzen und Interaktion in pädagogischen Berufen: Konzepte – Training-Praxis
Klinkhardt, 2009

Pearl Nitsche
Nonverbales Klassenzimmermanagement
printyourbook
Inge Reichardt Verlag, 2009

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