Über den Autor/die Autorin

Dr. Birgit Ebbert

Dr. Birgit Ebbert ist freie Autorin und Lernbegleiterin und seit vielen Jahren in der Elternarbeit und Lehrerfortbildung tätig. Als Diplom-Pädagogin und Lerntherapeutin unterrichtet sie Schüler in ihren Lerncentern Die Lernbegleiter und als Autorin schreibt sie vom Krimi bis zum Elternratgeber alles, was ihr Spaß macht und wichtig erscheint.

Schulfähigkeit – der Übergang von Kindergarten zur Schule

von Dr. Birgit Ebbert



© Kzenon - Fotolia.de
Der Ernst des Lebens oder der erste Schritt zum Großwerden? Der Übergang vom Kindergarten in die Schule ist für alle Kinder ein großer, wichtiger Schritt. Mit dem Eintritt in die Schule ist das "lockere" Leben vorbei, es gibt feste Termine und selbst Quengeln oder der seltene Besuch der Oma helfen nicht: Schule muss sein, während es im Kindergarten doch immer möglich ist, später zu kommen oder einen Tag ausfallen zu lassen.

Doch das ist nicht die einzige grundlegende Änderung, die Kinder in der Schule erwartet und auf für die sie gewappnet sein müssen. In der Schule wird die Leistung eines Kindes nicht mehr nur im Bezug auf seine eigenen Fähigkeiten und seine Entwicklungsfortschritte bewertet, sondern auch und stetig wachsend im Vergleich mit anderen.

Was im Kindergarten möglicherweise unterschwellig deutlich wurde, dass andere Kinder schneller, sprachlich gewandter, motorisch agiler o. ä. sind, wird in der Schule offensichtlich. Hier bekommen alle die gleichen Aufgaben und da zeigen sich schnell Unterschiede, auch wenn versucht wird, das durch neue Unterrichtsmethoden und individuelle Fördermaßnahmen auszugleichen.

Umso wichtiger ist es, einem Kind einen möglichst guten Start zu ermöglichen und darauf zu achten, dass die sog. Vorläuferfähigkeiten beherrscht werden. Bei den Vorläuferfähigkeiten, die im Mittelpunkt von Abschnitt 2 stehen, handelt es sich um Fähigkeiten, die von einem Kind erwartet werden, wenn es eingeschult wird.

Oft werden diese Fähigkeiten bereits im Kindergarten untersucht, auch bei der Schuluntersuchung fällt meist auf, wenn eine der Fähigkeiten noch nicht ausreichend entwickelt ist. Dennoch ist es sinnvoll, als Eltern das Kind zu beobachten und sich ggf. mit den Erzieherinnen und Erziehern auszutauschen und natürlich umgekehrt.

Damit der Übergang vom Kindergarten in die Schule reibungslos klappt, ist die Zusammenarbeit zwischen den beiden Institutionen besonders wichtig. Die Erwartungen müssen aufeinander abgestimmt werden, denn die ersten Schulwochen sind oft entscheidend für die ganze Schullaufbahn, ca. 95 % aller Kinder freuen sich auf die Schule, am Ende der Grundschule ist es nur noch etwa die Hälfte der Kinder, die mit Freude zur Schule geht. Dazwischen stehen schlechte Erfahrungen und Misserfolgserlebnisse, die man sicher nicht gänzlich verhindern, durch einen guten Start ins Schulleben jedoch minimieren kann.

Vorläuferfähigkeiten – für den guten Start in die Schule In den letzten Jahren ist die "frühkindliche Bildung" stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Wissenschaftlern, Politik und Pädagogen gerückt. Ursache war nicht zuletzt die Diskussion über das schlechte Abschneiden in Bildungsstudien, wo sich gezeigt hat, dass schon im Kleinkind- und Vorschulalter wichtige Weichen für den Bildungserfolg gestellt werden.

Um so konkret wie möglich tätig zu werden, wurden sog. Vorläuferfähigkeiten herausgearbeitet, das sind Fähigkeiten, die über den Lernerfolg mit entscheiden. Analysiert man die Bildungspläne für den Kindergarten, die in den letzten Jahren entwickelt wurden, kristallisieren sich folgende Vorläuferfähigkeiten heraus:

Die visuelle Wahrnehmung als Fähigkeit, Informationen über das Auge aufzunehmen, im Gehirn zu verarbeiten, zu speichern und sie ggf. in Handlungen des Körpers z. B. in Handbewegungen umzusetzen.

Bei der auditiven Wahrnehmung handelt es sich um die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen, die gehört werden. Auch diese Informationen werden nach der Verarbeitung im Gehirn u. U. in Handlungen umgesetzt, z. B. wenn man eine Fahrradklingel hört und beiseite geht.

Die Motorik wird gemeinhin aufgeteilt in die Grobmotorik, also das gezielte Bewegen des ganzen Körpers, und die Feinmotorik, hier werden einzelne Körperteile gezielt bewegt, z. B. die Finger, die in der Schule vor allem beim Schreiben entscheidend ist.

Besonders in den Mittelpunkt der Diskussion ist in den letzten Jahren die Sprache gerückt. Sprachverständnis, aber auch das Sprechen an sich sind wichtige Voraussetzungen für das Lernen. Wer eine Aufgabe schon sprachlich nicht versteht, wird sich schwertun, diese richtig zu lösen.

Ein Bereich der Sprachentwicklung, der für den Schriftspracherwerb besonders wichtig ist, ist die Phonologische Bewusstheit, darunter versteht man die Fähigkeit, Struktur der Sprache bewusst zu erkennen, z. B. gleiche Anfangslaute, Reime oder Silben.

Eine ebenfalls häufig thematisierte Vorläuferfähigkeit ist die Konzentration, die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit gezielt zu steuern und sie über eine längere Zeit zu behalten.

Lernen ist nicht möglich, ohne die sog. Merkfähigkeit, das ist die Fähigkeit, sich Dinge bewusst zu merken, sie also im Kopf abzuspeichern und ggf. mit vorhandenem Wissen zu verbinden.

Eine wichtige Fähigkeit für Alltag und Lernen ist die Vorstellungskraft, sie ist dafür verantwortlich, dass ein Kind Bilder im Kopf abrufen oder sogar erzeugen kann, z. B. Mengenbilder zu Zahlen.

Das Abstraktionsvermögen sorgt dafür, dass ein Kind gemeinsame Merkmale und Unterschiede erkennen und die Umwelt oder den Lernstoff einordnen kann. Diese Fähigkeit ist wichtig, da Lernen eng verbunden ist mit der Bildung von Kategorien, dem Zuordnen neuer Informationen zu bereits bekannten u. ä.

Um sich im Alltag und im Lernstoff zurechtzufinden benötigt ein Kind die Fähigkeit zur räumlichen und zeitlichen Orientierung, d. h. es muss Dinge im Raum zuordnen und Erlebnisse in den Zeitverlauf einordnen können.

Damit das Kind die unzähligen Erfahrungen in einen Zusammenhang bringen kann, ist logisches Denken unabdingbar, die Fähigkeit also, Zusammenhänge zwischen Erlebnissen und Handlungen zu erkennen und bewusst einzusetzen.

Um dem Mathematikunterricht von Anfang an folgen zu können, ist ein Mengen- und Zahlensinn unerlässlich, zumal sich in den letzten Jahren gezeigt hat, dass Kinder schon im Kleinkind- und Vorschulalter ein Gefühl für Zahlen und Mengen entwickeln, wenn man sie lässt.

Schließlich ist Lernen nur im Miteinander möglich, das soziale und emotionale Kompetenzen voraussetzt, dazu gehört z. B., sich selbst zu kennen und zu vertrauen und mit anderen umzugehen.

Die meisten dieser Fähigkeiten werden nebenbei entwickelt, wenn ein Kind sich bewegen kann und darf, wenn es vielfältige Anregungen für alle Sinne erhält, seien es Spaziergänge oder Ausflüge in interessante Gebäude, Museen, Institutionen etc. und wenn es am Alltagsleben beteiligt wird, z. B. beim Abwiegen helfen oder den Tisch decken darf.

Schritt für Schritt – den Übergang gestalten An der Gestaltung des Übergangs sind neben dem Kind drei Institutionen beteiligt, das Elternhaus, der Kindergarten/die Kita und die Schule.

Es ist von Bundesland zu Bundesland, ja sogar von Stadt zu Stadt unterschiedlich, wie das Zusammenspiel organisiert wird. In manchen Städten gibt es spezielle Konzepte, die von den Institutionen Schule und Kita gemeinsam erarbeitet werden, hier werden z. B. mit den Vorschulkindern Regeln für den Schulbesuch erarbeitet, es werden Ängste und Hoffnungen im Zusammenhang mit der Einschulung thematisiert und z. T. an die Lehrer der künftigen ersten Klassen weitergegeben. Manchmal wird sogar die Förderung der Vorschulkinder zeitweise von den Lehrern übernommen.

In anderen Städten und Regionen sind die Einrichtungen auf sich alleine gestellt und die Vorbereitung des Übergangs erschöpft sich in einem Probebesuch der angehenden Schulkinder in der Schule.

Welche Art des Übergangs auch gewählt wird, wichtig ist letztlich, dass dieser Übergang thematisiert wird und die Hoffnungen und Ängste der Kinder, aber auch der Eltern aufgegriffen werden. Dabei können Gespräche ebenso helfen wie Informationsabende seitens der Elternschaft, der Schule oder der Kita.

Für die Kinder ist entscheidend, dass ihnen vor allem die positiven Aspekte der Schule vermittelt werden. Schnell wird vom "Ernst des Lebens" gesprochen, womöglich noch mit einem ernsten Gesicht, sodass die Vorfreude der Kinder gedämpft wird. Wichtiger ist doch, den Kindern zu erklären, welche Chancen die Schule ihnen eröffnet, was sie dort lernen können und was sie mit dem Erlernten anfangen können. Je öfter Kinder erleben, wenn ich jetzt schon lesen, schreiben oder rechnen könnte, könnte ich mitentscheiden, etwas erleben, würde ich ernst genommen etc., umso stärker sind sie motiviert, sich auf die Schule einzulassen und möglicherweise Anfangsenttäuschungen hinzunehmen und abzuwarten.

Links & Literatur Links

Es gibt eine Vielzahl von Modellprojekten zum Übergang, Links zu einigen der Projekte, die z. T. auch Materialien anbieten finden Sie hier:

Baden-Württemberg:
www.kultusportal-bw.de/servlet/PB/..

Berlin:
www.bildungsnetz-berlin.de/download/pro4_kita.pdf

Niedersachsen:
www.mk.niedersachsen.de/live/..

NRW:
www.transkigs.nrw.de/

Thüringen:
www.thueringen.de/..

Und hier ist noch eine Übersicht über die rechtlichen Rahmenbedingungen aller Bundesländer:
www.iaq.uni-due.de/projekt/hp/uebergangsmanagement/pdf/Laendervergleich_Gesamttabelle.pdf


Literatur

Dr. Birgit Ebbert:
Schulfähigkeit fördern.
Lernauffälligkeiten erkennen - Basiskompetenzen stärken.
München: Don Bosco 2010

Dr. Birgit Ebbert:
100 Dinge, die ein Vorschulkind können sollte.
München: Gräfe & Unzer 2010

Antje Suhr:
Die 50 besten Spiele zur Schulvorbereitung.
München: Don Bosco 2009

Karin Tharandt (Autor), Bernd Ganser:
Sicher zur Schulfähigkeit: Alle Vorläuferfähigkeiten in einem testen und gezielt fördern.
Donauwörth: Auer 2010

Marcel Bisdorf:
Praxis Frühkindliche Bildung: Vom Kindergarten in die Grundschule - Hilfestellungen für den Übergang.
Braunschweig: Westermann 2010


Foto:© Kzenon - Fotolia.com

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