Über den Autor/die Autorin

Hildegard Dierks

Hildegard Dierks hat ihr Lehramtsstudium in den Fächern Englisch und Pädagogik für die Sekundarstufen I und II absolviert und an der Universität Bielefeld das Magisterstudium mit dem Schwerpunkt Computerlinguistik abgeschlossen. Sie arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin für verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestütztes Lernen aber auch schulpolitische Themen. Seit einigen Jahren ist sie begeisterte Anhängerin des sog. E-Learnings einer internetgestützten, zeitlich flexiblen Form des Studiums und der beruflichen Weiterbildung. Neben Lehrheften lernt man beim E-Learning auch in betreuten Chats und Webinaren. Frau Dierks lebt mit ihrer Familie in Ostwestfalen. In ihrer Freizeit hört sie gern Hörbücher und spielt Akkordeon.

Erfolgreich lernen mit Üben

von Hildegard Dierks



© Bart Coenders - iStockphoto.com
Üben wird gelegentlich mit Monotonie und autoritärem, geistlosem Drill verbunden. „Wer einmal etwas verstanden hat, muss nicht üben“, denken viele Übungsgegner. Üben erfordert Geduld und Zeit und entbehrt ein wenig der Magie des Neuen. Wie steht es also um den Wert des Übens für erfolgreiches Lernen?

Beispiel für monotones Üben: Pattern Drills im Fremdsprachunterricht

Ein Hinweis dafür, warum Üben in der modernen Pädagogik manchmal einen negativen „Beigeschmack“ hat, können uns die sogenannten Pattern-Drills im Fremdsprachenunterricht der 1960-er 1970-er Jahre geben. Bei dieser Methode werden fremdsprachliche Sätze durch Wiederholung nach bestimmten Satzmustern und Einsatzübungen gebildet. Oder Sätze, die der Lehrer vorgibt, werden beispielsweise im Chor in der Klasse nachgesprochen. Sprachliche Muster sollten auf diesem Wege antrainiert werden, sich tief in das Gedächtnis der Schüler „eingraben“. Die geübten Sätze hatten oft keinen oder nur einen geringen Sinnzusammenhang, und sie wirkten einschläfernd auf die Schüler. Der erwünschte Lernerfolg blieb bei dieser audio-lingualen Methode oft aus. Dieser Form des Drills liegt ein behaviouristisches Menschenbild zugrunde. Im klassischen Behaviourismus erfolgt Lernen nach einem mechanischen Reiz-Reaktionsschema. Bei dieser Art des Übens, das der Vergangenheit angehört, werden psychische, geistige und angeborene Aneignungsstrategien von Schülerinnen und Schülern zu sehr vernachlässigt und haben im modernen Fremdsprachenunterricht in dieser Form keinen Platz mehr.

Warum Üben?

Beobachtet man kleine Kindern, die sich die Welt erobern, kann man sehen, dass sie für einen gewissen Zeitraum mit großem Eifer und Freude neu Erlerntes immer wiederholen. Auch um etwas überhaupt erst einmal zu lernen, setzen sie ebenfalls immer wieder an. Beides erinnert stark ans Üben.

Mit Übung können wir unsere Fertigkeiten automatisieren, Erfahrungen machen mit Situationen, die uns aufzeigen, wo wir noch Schwächen haben. Übungen fordern uns heraus und wir entwickeln neue Strategien bei der Problemlösung.

Üben ist Ausdruck eines pädagogischen Optimismus. Schülerinnen und Schüler erleben beim Üben, dass sie an ihren Defiziten arbeiten können, sich Fortschritte mit kontinuierlicher Arbeit ergeben. Erfolgreiches Üben feit Schüler gegen Einschätzungen wie. „Entweder man kann’s oder man kann’s nicht.“

Befürworter des Übens sehen im Üben ein wichtiges Unterrichtsprinzip, das in allen Phasen des Unterrichtens seine Berechtigung hat, sogar in der Hinführungsphase.

Durch Üben unterstützen wir Behalten, Lernerfolge absichern und Erinnern, wichtige Größen für erfolgreiches Lernen. Das Geübte wird abrufbar und kann für die Bewältigung neuer und komplexerer Aufgaben genutzt werden. Geübtes wird eingebaut in das gesamte Denken und kann für Aufgaben, die einen Transfer notwendig machen, genutzt werden.

Üben im Internet und mit Lernsoftware

Üben ist auch wichtig für erfolgreiches Lernen. Die erwünschte Wirkung von Üben kann leichter erzielt werden, wenn man ein paar Kriterien berücksichtigt.
  1. Regelmäßig üben, möglichst zu bestimmten Zeiten
  2. Ein realistisches und abwechslungsreiches Pensum bearbeiten
  3. Eher kurze (10 Minuten) Übungsphasen in den Alltag einbauen
  4. Bei außergewöhnlichen Belastungen ausnahmsweise weniger Üben
  5. In den Ferien muss nicht geübt werden
  6. Üben sich so angenehm wie möglich gestalten
Das beliebteste Medium von Kindern und Jugendlichen ist das Internet und der Computer. Die hohe Bereitschaft von Schülern dieses Medium zu nutzen, kann auch für erfolgreiches Lernen durch Üben in verschiedenen Fächern genutzt werden.

Die Auswahl an Lernprogrammen ist groß. Entweder stehen sie auf CD als Lernsoftware zur Verfügung oder man kann nach einem Log-In und Erwerb einer Lizenz auf das Lernprogramm auf einem Server im Internet zugreifen. Pädagogisch wertvolle Lernprogramme können bedarfsgerecht genutzt werden. Viele Lernprogramme bieten lehrwerkbezogene Übungsmaterialien nach verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Das Material in den Lernprogrammen ist oft abwechslungsreich und ermöglicht eine Fehlerdokumentation, so dass nicht Gewusstes erneut geübt werden kann und beim nächsten Üben automatisch wieder bereit gestellt wird. Schülerinnen und Schüler können an einer Highscoreliste teilnehmen.

Bei Schullizenzen können Lehrer im Rahmen einer individuellen Förderung das Übungsmaterial bezogen auf ein spezielles Kind aussuchen und gezielt zur Verfügung stellen. Gute Lernprogramme haben darüber hinaus eine Rückmeldekomponente, bei der die Schüler im Fall von Fehlern Hinweise zur Korrektur bekommen. Sie sind also beim Üben nicht ganz allein auf sich gestellt.

Computerunterstützes Üben dieser Art kann für Lehrer eine große Hilfe zur individuellen Förderung von Schülern sein.

Wann ist Üben kontraproduktiv?

Bei speziellen Lernstörungen, wie beispielweise Dyskalkulie, hilft übliche Üben erfahrungsgemäß wenig, weil das zugrunde liegende Zahlen- und Mengenverständnis eines von Dyskalkulie betroffenen Kindes ein völlig anderes ist.

Üben funktioniert auch nicht gut, wenn der Schüler sehr müde ist beispielweise nach Mahlzeiten oder zu ungünstigen Zeiten im täglichen Biorhythmus. Einen Übungseffekt hat eine Übung nur, wenn der Schüler beim Üben die Zusammenhänge konzentriert wahrnimmt. Ablenkungen durch Lärm, andere psychische Blockaden oder eine fehlende Motivation lassen den Übungserfolg ebenfalls sinken.

Ob Schülerinnen und Schüler beim Üben Musik hören dürfen, sollen oder können, ist wissenschaftlich nicht genau geklärt. Es scheint so zu sein, dass bei den Kindern, die beim Üben oder bei den Hausaufgaben Musik hören möchten, dieses durchaus tun können ohne ihren Lernerfolg in Frage zu stellen. Das ist für viele, die zur Konzentration beim Üben absolute Ruhe benötigen nur schwer vorstellbar, scheint aber so zu sein. Auf Musik muss also beim Üben nicht verzichtet werden.

Etwas problematisch können Aufgabenbewältigungsstrategien, die beim Bearbeiten der Übungsaufgaben erworben werden, sich auf den „Ernstfall“ auswirken. Sind Aufgaben immer nach einem bestimmten Muster geübt worden, verlassen sich gerade junge Schülerinnen und Schüler leicht darauf, dass es in der Klassenarbeit genau so kommen wird. Der Text eines geübten Diktats ist oft sehr dominant in den Köpfen der Kinder. Kommt in Klassenarbeit ein Diktat, das der Übung sehr ähnlich ist, jedoch geringe Abweichungen aufweist, zum Beispiel eine andere Reihenfolge der Wörter, kann es passieren, dass Kinder diesen Unterschied nicht mehr wahrnehmen. Sie verlassen sich auf ihr geübtes Wissen und sind nicht aufmerksam für Neues. Das Üben kann dann Fehler induzieren.

Variation beim Üben ist also gefragt, um durch schematisches Üben induzierte Fehler zu vermeiden.

Üben als Vorbereitung für Prüfungen

Üben als Vorbereitung auf Prüfungen oder Klausuren ist Normalität im schulischen Alltag. Prüfungen sind eine Terminsache. Entsprechend empfiehlt es sich nach einem bestimmten Terminplan mit dem Üben als Vorbereitung für eine Prüfung zu beginnen, Übungspläne aufzustellen und konsequent entsprechend dieses Plans zu üben. Das Arbeiten nach einem Übungsplan verhindert ein Aufschieben der Arbeit, einem weit verbreiteten psychologischem Problem. Planmäßiges Üben fördert dagegen eine systematische, Vertrauen bildende Herangehensweise an Prüfungen. Übungspläne als Vorbereitung für Prüfungen aufzustellen, erfordert jedoch Erfahrung und Unterstützung durch die Fachlehrer. Je jünger die Schüler, um so mehr Hilfe benötigen die Schüler auch beim Aufstellen von Übungsplänen.
Um das Üben des Unterrichtsstoffes vor Prüfungen nicht zu einem Graus werden zu lassen, kann neben dem Üben allein auch gemeinsames Üben mit einem Mitschüler die Übungsphase vor Prüfungen angenehmer machen.

Es ermüden sich Etüden? – Kommentar

Üben hat immer noch seinen Platz in der modernen Lernpsychologie. Nicht nur Übung macht den Meister aber auch das Üben macht den Meister. Es ist also keine Beleidigung eines Genies, wenn man sich der Disziplin des Übens hingibt. Geübtes kann ein Repertoire an Wissen und Fertigkeiten bereit stellen, das hilft Lösungen für neue Aufgaben zu finden. Üben kann notwendige Transferleistungen erleichtern, wenn die Übung nicht durch Monotonie gekennzeichnet ist. Übungsmaterial muss im Internetzeitalter eben nicht mehr den Makel der Monotonie haben wie früher. Zusätzliches Material zum Üben passend zu Lehrwerken oder auch lehrwerksunabhängig wird von vielen Verlagen angeboten. Ein großer Vorteil bei der Nutzung computergestützter Übungen ist, dass sie den Schülern kleine Hinweise in Form einer Rückmeldung beim Auffinden der richtigen Lösung geben, vorausgesetzt der Schüler macht einen typischen Fehler. Jüngere Schülerinnen und Schüler akzeptieren für sich eher, dass sie Üben müssen, um erfolgreich zu lernen. Der Übungseifer älterer Schüler lässt dagegen gelegentlich zu wünschen übrig. Gerade bei älteren Kindern kann Üben am Computer mit Lernprogrammen mit eingebauten Highscore-Listen und einem Austauschforum einen motivierenden Anreiz darstellen. Redaktionell ungeprüftes Übungsmaterial – wie es oft im Internet angeboten wird - sollte meines Erachtens nicht zum Üben genutzt werden, denn es enthält zu viele Fehler. Gutes Übungsmaterial kostet etwas. Durch den Erwerb von Schullizenzen können jedoch gerade in den Hauptfächern viele Schülerjahrgänge mit anspruchsvollem, abwechslungsreichem Übungsmaterial versorgt werden. Eine Investition, die sich lohnt!

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Link- & Buchtipps


Linktipps
  • Antolin ist ein webbasiertes Programm zur Leseförderung des Schroedel Verlages geeignet für die Klassen 1-10
    www.antolin.de

  • Lehrwerkunabhängige Übungen für den Matheunterricht bis Klasse 7
    www.mathepirat.de

  • Lehrwerkunabhängiges Mathematik-Online-Programm für die Klassen 2 bis 4.
    www.zahlenzorro.de


Buchtipps

Bönsch, Manfred
Nachhaltiges Lernen durch Üben und Wiederholen.

Schneider Verlag Hohengehren 2010

Paradies. L./Linser H.:
Üben, Wiederholen, Festigen.

Praxisbuch für die Sekundarstufe I und II.
Berlin 2003

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