Über den Autor/die Autorin

Dr. Birgit Ebbert

Dr. Birgit Ebbert ist freie Autorin und Lernbegleiterin und seit vielen Jahren in der Elternarbeit und Lehrerfortbildung tätig. Als Diplom-Pädagogin und Lerntherapeutin unterrichtet sie Schüler in ihren Lerncentern Die Lernbegleiter und als Autorin schreibt sie vom Krimi bis zum Elternratgeber alles, was ihr Spaß macht und wichtig erscheint.

Kreativitätsförderung in der Schule

von Dr. Birgit Ebbert



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Schnipselbücher und Kritzelhefte haben Hochkonjunktur, als suchten Eltern geradezu danach, ihren Kindern wenigstens beim Malen und Rätseln einen Freiraum zu geben. Kreativität wird ganz groß geschrieben, mit Ideenparks und Denkseminaren wird versucht, sie zu locken und zu wecken. Dabei braucht Kreativität nicht mehr als Fragen und Aufgaben mit offenen Lösungen, Zeit und die Bereitschaft, auch über ungewöhnliche Lösungen nachzudenken. Kreativitätsförderung in der Schule beginnt daher nicht im Lehrplan, sondern im Kopf der Lehrerinnen und Lehrer.

Leider gilt in unserem Schulsystem noch immer, dass Fragen gestellt werden, auf die es nur eine Antwort gibt und es kann schon mal vorkommen, dass das richtige Ergebnis als falsch bewertet wird, weil ein Schüler einen anderen Lösungsweg gewählt hat, als vorgesehen war. Vielleicht hat dieser Schüler einfach nur quer gedacht und ist auf einem anderen Weg zur Lösung gekommen, er hat sich von dem "konvergenten" Denken gelöst, das nur einen geraden Weg sieht, um "divergent" zu denken und einen eigenen Weg zu finden.

Kreativitätsförderung ist also keine Frage eines Faches und auch keine Frage des Lernthemas oder des richtigen Arbeitsblattes, wenn überhaupt ist Kreativitätsförderung eine Frage der richtigen Rahmenbedingungen wie Kapitel 2 zeigen wird. Gerade am Anfang, wenn das offene Denken plötzlich verlangt wird, wo bisher die einfache, eindeutige Antwort gefragt war, können Kreativitätstechniken, von denen einige in Kapitel 3 skizziert werden, helfen. Kreativität entwickelt sich nich von einem Tag auf den anderen, sie ist das Ergebnis von vielen kleinen Erfolgserlebnissen mit kreativen Gedanken und neuen Ideen, einen Beitrag dazu können Kreativitätsmomente leisten, wie sie in Kapitel 4 beschrieben werden. Abschließend finden Sie Link- und Literaturtipps, falls Sie sich noch intensiver mit dem Thema beschäftigen möchten.

Kreativität braucht ein offenes Ende


Kreativität ist keine Fähigkeit, die man auf Knopfdruck einsetzen kann, zumindest verlangt diese spontane Kreativität sehr viel Übung und inneren Freiraum, die Schülern meist noch fehlen. Kreativität ist ein Prozess, der aus vier Phasen besteht, die die wenigsten sich bewusst machen:

1. Vorbereitungsphase (Präparation)
Das ist der Moment, in dem sich ein Problem oder eine Aufgabe stellt. Die muss verstanden werden und es müssen die nötigen Informationen gesammelt werden, damit klar ist, worum es eigentlich geht. Das heißt, die Schüler benötigen ein Problem, also eine Aufgabe, der man die Lösung nicht ansieht und die auch nicht durch schematisches Einsetzen einer Formel gelöst werden kann, und sie benötigen die Information, um das Thema zu verstehen, und den Freiraum sich weitere Informationen zu suchen.

2. Inkubationsphase
Hier arbeitet es im Inneren, die Informationen werden gewendet und miteinander und der Frage verknüpft. Das geschieht selten bewusst, in einer solchen Phase können Schüler durchaus unaufmerksam wirken oder Dinge tun, die scheinbar mit dem Unterricht nichts zu tun haben. Gerade, wenn sie mit Routine-Dingen beschäftigt sind, geben sie dem Kopf einen Freiraum, um sich mit der Idee zu beschäftigen. Deshalb berichten Künstler oft davon, dass sie ihre besten Ideen beim Bügeln, Duschen oder beim Hundespaziergang haben.

3. Erleuchtungsphase (Illumination)
Dies ist der Augenblick, in dem dem Denker ein Licht aufgeht und er eine Idee hat. Das kann mitten in der nächsten Unterrichtsstunde sein, wenn der Schüler mechanisch etwas von der Tafel abschreibt. Hier wird schon klar, dass Kreativitätsförderung ein Schulprojekt sein muss und nicht das eines einzelnen Kollegen bleiben kann. Hat der Schüler in dem Moment nicht die Gelegenheit, seine Idee zumindest aufzuschreiben, ist sie womöglich verloren, vor allem aber verliert er die Motivation, neue Gedanken zu entwickeln, weil der nächste vielleicht wieder Opfer einer Unterrichtsstunde wird.

4. Bewertungsphase
Erst jetzt heißt es, die Idee mit Blick auf das Problem zu bewerten. Es geht nicht darum, Punkte oder Noten zu vergeben, sondern offen zu prüfen, ob die Idee zur Lösung der Frage oder Aufgabe beiträgt. Das ist nur möglich, wenn alle - auch die Lehrer - offen sind für neue Lösungen. Kreativität ist also nichts, was nebenher "unterrichtet" werden kann, es ist möglich, Anregungen zu geben und den Prozess durch ergebnisoffene Aufgaben in Gang zu bringen, wichtig ist ein offenes Umfeld, in dem niemand ausgelacht wird und in dem Ideen, die nicht passen, nicht als Fehler, sondern als Anregung zum Weiterdenken angesehen werden.

Kreativitätstechniken


Kreativitätstechniken sind anders, als der Name vermuten lässt, keine Methoden, mit denen auf Knopfdruck die Ideen sprudeln, sie können lediglich helfen, das Gedankenkarussell in der Vorbereitungsphase in Gang zu bringen und bei geübten kreativen Denkern gehen auch schon mal Vorbereitungsphase und Inkubationsphase ineinander über. Während sie scheinbar stupide und sinnlose Gedanken bündeln, arbeitet der Verstand im Hintergrund bereits, verknüpft Dinge und hilft so mit, dass schneller ein Aha-Erlebnis auftritt.

Als klassische Methode wird häufig das Brainstorming empfohlen, bei dem in einer Gruppe zu einem Themen unbewertet Gedanken gesammelt werden. Inzwischen hat sich gezeigt, dass sich diese Methode nicht für alle Aufgaben eignet und wenn Sie die obigen Phasen des kreativen Prozesses betrachten, ist das auch verständlich. Jeder braucht seine individuelle Zeit, um Ideen zu sammeln, da stören die anderen möglicherweise. Daher eignet sich als Kreativitätstechnik das Brainwriting besser, bei dem jeder alles aufschreibt, was ihm zu der Aufgabe einfällt - das kann sowohl auf einem Zettel von oben nach unten erfolgen als auch in Form einer Mind map.

Die Mind map ist eine besondere Form des Brainwritings. Mitten auf ein leeres Blatt wird ein Stichwort zu der Aufgabe geschrieben und drumherum werden Ideen gesammelt. Fällt einem nichts mehr ein, widmet man sich einem der Stichworte und schlüsselt die Kernaufgabe so immer weiter auf. Der Vorteil im Vergleich zum klassischen Zeilen- oder Spaltenschreiben ist, dass rund um ein Stichwort Platz ist, weitere Gedanken zu notieren und diese Art optisch nicht den Eindruck erweckt, eine Spalte oder Zeile sei voll.

Eine Abwandlung des Brainstorming für die Gruppe ist die 6-5-3-Methode. Der Name stammt daher, dass diese Methode ursprünglich mit sechs Personen durchgeführt wurde. Sie ist auch mit 3 oder 4 Schülern pro Gruppe realisierbar. Es geht darum, dass jedes Gruppenmitglied in einer bestimmten Zeit, fünf Minuten zum Beispiel, eine bestimmte Anzahl, beispielsweise drei, Lösungsideen aufschreibt. Nach der ersten Runde werden die Blätter getauscht und wieder denkt sich jeder in fünf Minuten drei Ideen aus. Das geht solange, bis jeder seinen Ursprungszettel zurück hat.

Vor allem für jene Schüler, die sich mit dem Schreiben schwer tun, eignet sich die Bildassoziation. Dabei wird ein beliebiges Bild ausgewählt und es wird versucht, in Gedanken oder im Gespräch herauszufinden, wie einem das Bild bei der Lösung des Problems beitragen kann.

Ganz gleich, welche Methode Sie einsetzen, ob die oben skizzierten oder eigene, mit denen Sie gute Erfahrung gemacht haben, wichtig ist, dass die Zeit begrenzt wird. Das scheint im Widerspruch zu stehen dazu, dass eine Idee Zeit braucht. Aber die Kreativitätstechniken kurbeln ja nur das Gehirn an, sollte am Ende der vorgegebenen Zeit eine Idee vorhanden sein, die zum Problem passt, umso besser. Wenn nicht, arbeitet das Gehirn noch und die Idee kommt ganz woanders völlig unerwartet zum Vorschein. Damit sie dann nicht verloren geht, empfiehlt es sich, immer etwas zu schreiben bei sich zu haben oder die Diktier- oder Notizfunktion beim Smartphone oder Handy zu kennen.

Kreativitätsmomente


Kreativität braucht Raum, Zeit und Akzeptanz, um sich zu entfalten. In der Schule heißt das, die Schüler müssen sich sicher fühlen, damit sie sich trauen, Gedanken zu äußern, von denen sie nicht wissen, ob sie richtig sind und wie sie aufgenommen werden. Am besten fördern Sie die Kreativität Ihrer Schüler, in dem Sie Kreativitätsmomente schaffen, Anlässe, bei denen Sie ohne Bewertungsdruck und Zeitnot eine offene Frage in den Raum stellen können, über die alle Schüler nachdenken.

Beginnen Sie mit einem Geschichtenanfang, der viel Raum für Fortsetzungen lässt. Bei den älteren Schülern kann es auch ein Raptext sein oder ein Comic, finden Sie heraus, was gerade angesagt ist und greifen Sie das auf.
Nutzen Sie einen Ausflug oder eine Klassenfahrt für solche Momente.
Geben Sie nicht gleich Antworten, wenn ein Schüler etwas wissen möchte, lassen Sie die anderen rätseln, wie die Antwort lauten könnte. Gerade Heimatmuseen mit Gegenständen, die die heutigen Kinder und Jugendlichen nicht mehr kennen, eignen sich dazu. Verwenden Sie als Arbeitsmaterial für Zeiten, in denen die ersten schon fertig sind, während die anderen noch arbeiten, angefangene Zeichnungen oder Ausschnitte, die die Schüler fertig malen sollen.

Ihrer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, Kreativitätsmomente zu schaffen. Die Aha-Erlebnisse, die Ihre Schüler dabei haben, kommen ihnen zugute, wenn sie den nächsten Aufsatz schreiben sollen oder die nächste knifflige offene Aufgabe lösen müssen.

Literatur


Daniela Braun:
Handbuch Kreativitätsförderung. Theorie und Praxis für die Arbeit mit Kindern.
Herder 1999

Mihaly Csikszentmihalyi:
Kreativität: Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden.
Klett Cotta 2007

Daniel Golemann:
Kreativität entdecken.
Hanser 1997

Howard Gardner:
Kreative Intelligenz. Was wir mit Mozart, Freud, Woolf und Gandhi gemeinsam haben.
Campus 1999

Constanze Kirchner/Georg Peez:
Kreativität in der Grundschule erfolgreich fördern.
Westermann 2009

Marielle Seitz/Rudolf Seitz:
Kreative Kinder: Das Praxisbuch für Eltern und Pädagogen.
Kösel 2009

Bernd Weidemann:
Handbuch Kreativität.
Beltz 2010

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