Über den Autor/die Autorin

Jörg Sauer

Jörg Sauer ist ausgebildeter Grundschullehrer und unterrichtet seit über 20 Jahren an einer Schule. Sein Anliegen ist es, den Unterricht möglichst umweltnah und praxisorientiert zu gestalten. Ihm ist es wichtig, Schülerinnen und Schülern mit pädagogischer Begleitung möglichst früh ihrem Alter entsprechende Eigenverantwortung zu übertragen, um ihre Freude am Lernen zu wecken und soziale Kompetenzen zu stärken. Dabei sollte der Blick auf die so genannten kleinen Dinge nicht vergessen werden. Neben der Lehrertätigkeit führte er in den vergangenen Jahren zahlreiche Weiterbildungen über die Nutzung von Neuen Medien im Unterricht durch.

Zeugnisse - des einen Freud, des anderen Leid

von Jörg Sauer



© thingamajiggs - Fotolia.de

Zur Wortbedeutung



Der Begriff des Zeugnisses kann für verschiedene Bedeutungen verwendet werden.
  • Religion: Man meint hier den persönlichen Bericht über eine Gotteserfahrung.
  • Recht: Dieser etwas veralterte Nutzung steht für die Aussage eines Zeugen.
  • Beurteilung: Mit dieser werden Einschätzungen über:
    • den Abschluss einer Prüfung,
    • eines schulischen Abschnittes oder
    • einer beruflichen Tätigkeit erteilt.


Kurzer geschichtlicher Abriss


Der Mensch in seiner Tätigkeit wird in der einen oder anderen Form von seiner Umgebung wahrgenommen und eingeschätzt. Das Zeugnis ist dabei eine Form von vielen Möglichkeiten.

Bereits die "alten" Römer entwickelten ein System, bei dem die besten Schüler ganz vorn und abgestuft nach hinten die weniger erfolgreichen standen. Die Kinder erhielten ein Zertifikat. Die aus der lateinischen Sprachen kommenden beiden Wortteile bedeuten:"... certus = sicher, bestimmt und facere = machen." 1

Bei Leistungsveränderungen der Kinder reagierte man mit entsprechenden Umsetzungen. Diese Methode wurde noch lange angewandt und erst durch die Notengebung abgelöst.

Das Bildungsprivileg für die Kinder vermögender Eltern schlug sich auch in der Bewertungskultur nieder. Da ärmere Menschen für ihre Nachkommen das nötige Schulgeld meist nicht aufbrachten, entstand das s. g. "Benefizienzeugnis". Es beruht auf dem Wort: "Benefizium" (lat.), welches soviel, wie "Wohltat" bedeutet. Im römischen Recht versteht man:"... das Anrecht am Ertrag einer wohltätigen Einrichtung." 2

Das Benefizienzeugnis konnten sich Kinder aus ärmeren Familien ausstellen lassen, um weiter zu Schule gehen zu können. Das war aber nur mit einer guten Einschätzung möglich.


Quelle:
  • 1 http://de.wikipedia.org/wiki/Zertifikat
  • 2 Bertelsmann Universal Lexikon, Band 2, Verlagsgruppe Bertelsmann Club GmbH, Gütersloh, 1990, S. 273


Was steckt hinter den Noten?


Ein Zeugnis in der Schule dokumentiert die zusammenfassende Einschätzung eines Kindes. Diese kann mit Hilfe von Noten aber auch in Form einer verbalen Bewertung geschehen. In den deutschen Bundesländern erfolgt die Einschätzung in den öffentlichen Schulen in der Regel mittels der Zensuren von eins bis sechs. Diese werden durch die Berechnung des Durchschnittes unter Beachtung der Wichtung (z. B. Klausur, große Arbeit, Kurzkontrolle, Präsentation,...) gewonnen. Die Bewertung gehört mit zum Schulrecht. Dieses fällt in den Kompetenzbereich jedes einzelnen deutschen Bundeslandes. Daher kann die Form der Leistungsbewertung von Land zu Land unterschiedlich sein.

In vielen privaten Schulen verzichtet man auf die Notengebung und erstellt das Zeugnis in der Form eines Gutachtens.
Weitere interessante Informationen sind unter dem folgenden Link zu finden:
www.blikk.it/angebote/reformpaedagogik/rp55041.htm

Was steckt hinter den Noten?
Jede einzelne von ihnen hat eine ganz bestimmte Bedeutung. Daher ist der verantwortungsvolle Umgang mit den Zensuren von allen Beteiligten nötig.

Aus pädagogischer Sicht sind die Aspekte der Rückmeldung, der Motivation oder der Kommunikation zwischen Elternhaus und Schule wichtig.

Die Veränderungen in der Gesellschaft führten auch zu Einführung neuer Lehrpläne in der Schule. Neue Schwerpunkte wurden gesetzt (z. B. integrativer Unterricht) und alte (z. B. Hauptaugenmerk in Deutsch: die Rechtschreibung) abgelöst. Ergänzt werden die Neuerungen durch das Aneignen von Kompetenzen in den Sozial-, Handlungs- und Kommunikationsbereichen.

Diesen Anforderungen muss auch die Bewertung Rechnung tragen. Für jede einzelne Zensur gibt es eine genaue inhaltliche Beschreibung, die erläutert, wann sie erteilt werden darf.
Am sächsischen Beispiel stelle ich die inhaltliche Notenbeschreibung. die in den anderen Bundesländern dieser ähnelt, dar.

sehr gut (1), wenn eine Leistung den Anforderungen in besonderem Maße entspricht;

gut (2), wenn eine Leistung den Anforderungen voll entspricht;

befriedigend (3), wenn eine Leistung im Allgemeinen den Anforderungen entspricht;

ausreichend (4), wenn eine Leistung zwar Mängel aufweist, aber im Ganzen den Anforderungen entspricht;

mangelhaft (5), wenn eine Leistung den Anforderungen nicht entspricht, jedoch erkennen lässt, dass die not wendigen Grundkenntnisse vorhanden sind und die Mängel in absehbarer Zeit behoben werden können;

ungenügend (6), wenn eine Leistung den Anforderungen nicht entspricht und selbst die Grundkenntnisse so lückenhaft sind, dass die Mängel in absehbarer Zeit nicht behoben werden können. 1


Quelle:
  • 1 Verordnung des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus über Grundschulen im Freistaat Sachen (Schulordnung Grundschulen- SOGS) vom 3. August 2004, Rechtsbereinigt mit Stand vom 1. August 2006, §15


Schule und Zeugnis


Oft brisant- die Kopfnoten
In diesen schätzt man in klassischem Sinne das Verhalten eines Kindes ein, welches allerdings wandelnden gesellschaftlichen Normen und Werten unterliegt. So bewertet man heute auch den Stand der Kompetenzentwicklung einer Schülerin oder eines Schülers. Manchmal ist es für Eltern schwierig, die neuen Inhalte, die hinter scheinbar gekannten Begriffen stehen, nachzuvollziehen. Eine wichtige Aufgabe ist es hier eine gewissen "Aufklärungsarbeit", u. a. bei Elternzusammenkünften, zu leisten.

Beschlossen werden die Kopfnoten von der Klassenkonferenz, der alle Kolleginnen und Kollegen angehören, die in dieser Klasse unterrichten. Oftmals finden in dieser Beratung längere Diskussionen statt, da sich Kinder in ihrem Verhalten in einzelnen Fächern völlig verschieden zeigen können. Die Persönlichkeit des Kindes steht dabei immer im Mittelpunkt. Es ist immer ein gewisses "Fingerspitzengefühl" nötig. Der Klassenlehrer und die am meisten unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen besitzen dabei das größte Stimmenrecht.

Das o. g. möchte ich am Beispiel der Notenerteilung in Sachsen darstellen. Die Zensuren werden nach der inhaltlichen Definition von 1 bis 5 erteilt.

Betragen, hier wird der Grad der Ausprägung in:
  • der Aufmerksamkeit,
  • der Hilfsbereitschaft,
  • der Zivilcourage,
  • dem Umgang mit Konflikten,
  • der Rücksichtsnahme,
  • der Selbsteinschätzung,
  • der Toleranz und
  • dem Gemeinsinn bewertet.
Fleiß, hier wird der Grad der Ausprägung in:
  • der Lernbereitschaft,
  • der Zielstrebigkeit,
  • der Ausdauer und
  • der Regelmäßigkeit bewertet.
Mitarbeit, hier wird der Grad der Ausprägung in:
  • der Initiative,
  • der Kooperationsbereitschaft,
  • der Teamfähigkeit,
  • der Selbständigkeit,
  • der Kreativität und der
  • Verantwortungsbereitschaft bewertet.
Ordnung, hier wird der Grad der Ausprägung in:
  • der Sorgfalt,
  • der Pünktlichkeit,
  • der Zuverlässigkeit,
  • der Einhaltung von Regeln und Absprachen und
  • der Bereitstellung der Unterrichtsmittel bewertet.

Der Umgang mit Zeugnissen



Aus dem eignen Erleben kennt jeder noch diese gewisse Erwartungshaltung vor der Übergabe der Zeugnisse, die der Realität entsprechen kann oder pures Wunschdenken ist. In der letzten Zeit zeigte es sich vor allem seitens der Eltern im steigenden Maße, dass zwischen beiden ein Widerspruch besteht. Die Ursachen sind meist vielfältig und nicht immer leicht zu benennen.

Eine Zeugnischeckliste, die zum einen für Gespräche mit den Personensorgeberechtigten oder zum anderen für die eigne kritische Reflexion des Kindes genutzt werden kann, ist eine Möglichkeit, um Irritationen zu vermeiden.
Eine kostenlose Zeugnischeckliste erhalten Sie hier: Zeugnischeckliste (pdf)

Die sich anschließende entscheidende Frage ist:
Wie geht man nun mit dem Zeugnis am besten um?
Es ist sehr wichtig, kein vorschnelles Urteil zu fällen, so schwer es vielleicht auch fällt. Bedenken wir, dass jedes Kind jeden Tag durch die unterschiedlichsten Personen (Eltern, Großeltern, Erzieher, Lehrer, Trainer, Freunde, ...) in den unterschiedlichsten Situationen bewertet wird, ohne dies stets so konkret auszudrücken. In diesem Zusammenhang sollte man sich des Öfteren die Frage stellen: "Heute schon gelobt?"

a) Zusammenarbeit Elternhaus - Schule
Die wichtigste Voraussetzung, um das Bestmögliche für das eigene Kind herauszuholen, ist ein ehrliches und gemeinschaftliches Miteinander. Das sollte aber nicht nur den Bereich der Bewertung betreffen. Es ist nötig, dass der Lehrende in einem Elternabend über:
  • Anforderungsbereiche der Bildungsstandarts in Deutsch und Mathe (festgelegt durch die KMK),
  • die Bewertungsmaßstäbe,
  • einige Bedeutungen von Formulierungen,
  • die Bedeutung der Zensuren,
  • die Bewertung mit Symbolen, mit Hilfe von Wettbewerben,
  • die Art und Anzahl der "großen" Noten informiert.
Hilfreich ist es auch, dass man Bewertungskriterien am Beispiel von Klassenarbeiten erläutert. Als günstig hat es sich erwiesen, wenn der Lehrende eine Art "Kummertelefon" ermöglicht. Von diesem sollten die Eltern dann Gebrauch machen, wenn sie vor solchen Problemen stehen, die sie nicht lösen können.

b) Der Umgang mit Einschätzungen des eigenen Kindes
Es empfiehlt sich, die folgenden Hinweise zu beachten.
  • Vorsicht mit zu schnellen Urteilen
  • der Lehrende möchte auch mit Bewertungen zeigen, was das Kind kann
  • Jungen und Mädchen lernen anders
  • Versuchen, stets mit postiven Einschätzungen zu beginnen
  • Leistungsforschritt des eigenen Kindes steht im Mittelpunkt
  • Die Leistungsbewertung richtet sich nach der individuellen Klassensituation und kann nicht auf andere oder von anderen Schulen übertragen werden.
  • Diskussion über Bewertung des Lehrenden im Beisein des Kindes ist ungünstig
  • auch bei Fehlschlägen die Motivation nicht aufgeben
  • Vergleiche mit Mitschülerinnen und Mitschülern sind oft wenig hilfreich
  • Bedenken, dass das eigene Kind im Kontext mit den anderen Schülerinnen und Schülern der Klasse zu sehen ist und dass der Lehrende zwar einer individuellen aber trotzdem gleichmäßig gerechten Bewertung verpflichtet ist.
Im Gespräch mit dem Lehrenden kann dann über die Leistungen und das Verhalten des eigenen Kindes gesprochen werden, um individuelle Maßnahmen treffen zu können.
Ein Liste mit Hinweisen kann helfen, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.
Eine solche Liste finden Sie hier: Liste für Schlussfolgerungen (pdf)

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