Über den Autor/die Autorin

Alexandra von Plüskow - Kaminski

Alexandra von Plüskow-Kaminski ist Grundschullehrerin. Sie arbeitet in Abordnung des Landes Niedersachsen als Bildungskoordinatorin der Bildungslandschaft Heidekreis. Sie verfasst Beiträge zu vorschulischen und schulischen Themen und ist als Lehrbeauftragte in der Lehrkräfteausbildung tätig. Derzeit absolviert sie eine berufsbegleitende Ausbildung zur systemischen Coachin und Prozessbegleiterin.

Logopädie bei Kindern - Was Eltern hierüber wissen sollten

von Alexandra von Plüskow - Kaminski



© Dan Race - Fotolia.de

Kommunikation von Anfang an

Wenn ein Kind zur Welt kommt, ist es schon ganz früh in der Lage, die Stimme seiner Mutter zu erkennen und sogar seine Muttersprache von Lauten anderer Sprachen zu unterscheiden. Früh tritt es mit seinen Eltern in Kommunikation, etwa dann, wenn es aus Hunger oder Unwohlsein schreit, wenn es später den Kopf in die Richtung, aus der ein Geräusch kommt, wendet und wenn es auf Aufforderungen reagiert oder aber sich durch Zeigen verständlich machen möchte.

Auch seine Sprachentwicklung scheint „wie von selbst“ zu geschehen. So lernt Ihr Kind erste Wörter, hiernach benennt es „explosionsartig“ auf einmal viele Dinge, es spricht danach Zwei- bzw. Dreiwortsätze und später bildet es ganze Sätze und eignet sich nach und nach die Grammatik an.

Doch – was ist, wenn es mit dem Spracherwerb nicht so zu klappen scheint?

Unser Kind hat Probleme beim Sprechen ...

Grundsätzlich gilt, dass Eltern sich, sobald sie Sorgen hinsichtlich der sprachlichen Entwicklung ihres Kindes hegen, zeitnah an die ErzieherInnen bzw. Lehrkräfte und auf jeden Fall an den Kinderarzt ihres Kindes wenden sollten. Im Gespräch mit den ErzieherInnen sollten Sie abklären, ob und falls ja, inwiefern diese Ihre Eindrücke teilen. Mit dem Kinderarzt sollten Sie über Ihre Bedenken sprechen und auch die Eindrücke der ErzieherInnen einbringen. Der Kinderarzt wird zunächst körperliche Ursachen wie etwa eine verminderte Hörfähigkeit ausschließen. Eventuell wird er zu einer logopädischen Behandlung raten.

Logopädie für unser Kind – wie gehen wir damit um?

Für viele Eltern ist diese Feststellung zunächst einmal ein Schreck. Der Gang zur logopädischen Behandlung stellt für sie die eigene sprachliche Förderung des Kindes zu Hause infrage. Haben sie etwas versäumt oder falsch gemacht? Wie sollen sie mit der Situation umgehen?

Machen Sie sich hiervon frei. Wenn ein Kind Schwierigkeiten beim Spracherwerb hat, kann dies vielerlei Gründe haben. Die Logopädie bietet Ihrem Kind eine zusätzliche Chance, diesen Weg erfolgreich zu meistern.

Sprechen Sie mit Ihrem Kind über die logopädische Behandlung und nehmen Sie seine möglichen Ängste oder Sorgen hierzu ernst. Schon während der ersten Behandlungen wird Ihr Kind merken, dass die logopädische Behandlung kindgerecht und spielerisch vonstatten geht. Auch in Ihrem Freundeskreis sollten Sie offen mit dieser Situation umgehen. Informieren Sie ferner die Kindertagesstätte bzw. die Schule Ihres Kindes über die Behandlung. Sollte die logopädische Fachkraft es wünschen, ein Gespräch mit den ErzieherInnen bzw. Lehrkräften Ihres Kindes zu führen, so sollten Sie dieses durch eine Einverständniserklärung ermöglichen.

Gemeinsame Arbeit ...

Während der Behandlung erhält Ihr Kind viele Anregungen und optimalerweise auch Hausaufgaben. Greifen Sie diese zu Hause auf. Arbeiten Sie hier ohne Druck und täglich in kleinen Portionen von allerhöchstens zehn Minuten. Bleiben Sie zudem geduldig. Im Elterngespräch, das die logopädische Fachkraft nach der Behandlung regelmäßig mit Ihnen führen wird, hören Sie von den Fortschritten Ihres Kindes und erhalten Tipps, wie Sie auf diese zu Hause reagieren können.

Sollte Ihr Kind also nachgewiesener Maßen unter einer Sprachstörung leiden, so ist der Besuch einer logopädischen Behandlung sehr sinnvoll. Wichtig ist, dass Sie als Elternteil offen mit der Situation umgehen und Ihr Kind zu Hause unterstützen.

Das folgende Interview möchte Ihnen zudem Informationen zum Thema „Logopädie bei Kindern“ bieten.

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage des Bundesverbandes für Logopädie e.V.: www.dbl-ev.de



Interview mit Ursula Seiffarth, Logopädin mit eigener Praxis in Andernach, Rheinland-Pfalz

1. Frau Seiffarth, seit wann arbeiten Sie als Logopädin - und welche Ausbildung haben Sie absolviert?

Seit mittlerweile 13 Jahren arbeite ich als Logopädin, davon 11 Jahre in eigener Praxis. Ich habe damals ein vierjähriges Fachhochschulstudium in den Niederlanden absolviert, habe somit einen Bachelor – Abschluss.

2. Gibt es noch weitere Möglichkeiten, um den Beruf der Logopädin zu erlernen?

In der Regel ist es in Deutschland noch so, dass die Ausbildung an privaten oder staatlichen Fachschulen mit einer Dauer von drei Jahren stattfindet. Im Gegensatz dazu ist die Logopädenausbildung fast im gesamten anderen europäischen Ausland schon lange akademisiert. Seit 2009 existiert jedoch in Deutschland ein Gesetz zur Einführung einer Modellklausel in das Berufsgesetz der Logopäden. Damit kann nun auch im Bereich der Logopädie eine Hochschulausbildung erprobt werden.

3. Das Berufsbild einer Logopädin ist vielseitig. Was umfasst Ihr Behandlungsspektrum?

Wir untersuchen, behandeln und beraten Menschen jeden Alters mit Sprach-, Sprech-, Stimm- oder Schluckstörungen, die organisch oder funktionell verursacht sind. Diese können beispielsweise sein: Säuglinge oder Kleinkinder mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte oder einer angeborenen Hörstörung, Klein- oder Schulkinder mit Problemen des Spracherwerbs bzw. der Aussprache oder mit Lese- Rechtschreibschwierigkeiten. Hinzu kommen Kinder und Erwachsene mit Redeflussstörungen z.B. Stottern, Jugendliche und Erwachsene mit Schädel- Hirnverletzungen, neurologischen Erkrankungen (z.B. Schlaganfall), Berufstätige mit hoher stimmlicher Belastung wie Erzieherinnen oder Lehrerinnen und Erwachsene nach Kehlkopfoperationen.

Mein persönlicher Behandlungsschwerpunkt liegt auf der Behandlung von Kindern mit Problemen im Spracherwerb oder in der Aussprache. Hierbei behandele ich Kinder ab zwei Jahren. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Behandlung von stotternden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Daneben kommen aber auch Kinder und Erwachsene mit Schluckstörungen, neurologischen Erkrankungen und Stimmstörungen in meine Praxis.

4. In Ihrer Praxis behandeln Sie viele Kinder. Welchen Sprachstörungen begegnen Sie hier?

Wir haben Kinder, die in allen sprachlichen Bereichen auffällig sind, das heißt sowohl im Sprachverständnis, in der Grammatik, im Wortschatz als auch in der Artikulation. Es kann auch sein, dass Kinder nur in Teilbereichen Schwierigkeiten haben, wie zum Beispiel der Artikulation. Auch hierbei gibt es natürlich unterschiedliche Schweregrade: das eine Kind ersetzt alle möglichen Laute durch andere Laute oder lässt Laute aus und ist völlig unverständlich, das andere Kind vertauscht nur einen Laut durch einen anderen oder lispelt lediglich. Interessant dabei ist, dass bestimmte Lautverwechslungen Hinweise auf eine mögliche Lese-Rechschreibschwäche geben können. Viele Sprachentwicklungsstörungen gehen meist noch einher mit einer verminderten Fähigkeit, sich Dinge merken zu können oder einer eingeschränkten sogenannten phonologischen Bewusstheit (Reimen, Wörter in Silben segmentieren können usw.).

Bei Wortschatzproblemen z.B. kann es sein, dass ein Kind entweder bestimmte Wörter und deren Merkmale gar nicht im Kopf hat oder diese zwar im Kopf hat, aber nicht abrufen kann. Jeder kennt das Phänomen, dass man ein bestimmtes Wort quasi auf der Zunge hat, was diese Kinder ständig haben. An Schulkindern haben wir ganz häufig solche, die nach einem Besuch beim Kieferorthopäden wegen eines falschen Schluckmusters und einer dadurch bedingten Zahnfehlstellung kommen oder Kinder mit einer Lese- Rechtschreibschwäche, die im Zusammenhang mit einer Sprachentwicklungsverzögerung stehen kann.
Außerdem behandeln wir Kinder und Jugendliche, die stottern oder poltern.

5. Wann ist eine logopädische Behandlung bei einem Kind sinnvoll? In welchem Alter sollte diese stattfinden?

Dies ist natürlich von der Art bzw. Komplexität der Sprachauffälligkeit abhängig.
Grundsätzlich würde ich mich als Eltern von einem Experten beraten lassen, sobald ich den Eindruck hätte, dass mit der Sprachentwicklung meines Kindes etwas nicht stimmt und würde mich nicht mit dem gutgemeinten Ratschlag vertrösten lassen „das verwächst sich von selbst“. Vielleicht reichen gerade bei einem Zwei- oder Dreijährigen eine oder einige wenige Sitzungen aus, um die Eltern im Umgang hinsichtlich eines sprachfördernden Verhaltens dem jeweiligen Alter entsprechend anzuleiten oder einfach zu beruhigen. Es kann aber auch sinnvoll sein, gleich mit einer Therapie anzufangen.

6. Welche Methoden wenden Sie an, um Kinder in ihrer Sprachentwicklung zu unterstützen?

Die Frage müssen Sie einer Logopädin etwas anders stellen, denn wir machen keine Sprachunterstützung = Sprachförderung sondern Therapie. Die Abgrenzung zwischen Sprachförderung und Sprachtherapie ist gerade seit Bestehen der Sprachfördergruppen in den Kindergärten besonders wichtig für uns Logopäden. Die Unterstützung der Sprachentwicklung findet meist ganz natürlich im sprachlichen Umgang bzw. Spiel mit einem Kind statt und bedarf eigentlich keiner speziellen Methodik im Gegensatz zur Sprachtherapie. Allerdings müssen gerade Eltern sprachauffälliger Kinder häufig hinsichtlich eines sprachfördernden Verhaltens angeleitet werden. Da Eltern solcher Kinder sich häufig unheimlichen Druck machen, ist ihr Sprachverhalten oft unbewusst hemmend, indem sie zum Beispiel ein falsch ausgesprochenes Wort richtig nachsprechen lassen anstatt dem Kind eine sogenannte korrigierte Wiederholung zu geben (hemmendes sprachförderndes Verhalten wäre: Kind sagt Sule, Muter sagt: das heißt nicht Sule sondern Schule, sprich mal nach: Schule; sprachförderndes Verhalten wäre: Kind sagt Sule, Mutter sagt z.B.: Genau, bald gehst Du in die Schule.)

Wie Sie sich aufgrund der unterschiedlichen Sprachstörungen vorstellen können, gibt es unzählige Therapiekonzepte dazu. Es würde zu weit führen, diese alle namentlich zu erwähnen. Wichtig ist es gerade in den Therapien mit kleineren Kindern die logopädischen Inhalte dem Alter entsprechend spielerisch zu verpacken. Einem Kind, was zum Beispiel „Sule“ anstatt „Schule“ sagt, den Laut „sch“ also durch „s“ ersetzt, wird der Laut /sch/ durch ein Eisenbahngeräusch, der Laut /s/ durch ein Bienengeräusch veranschaulicht. Mit diesen Lautsymbolen werden dann entsprechende Hör- bzw. Lautproduktionsspiele durchgeführt.

7. Wie lange dauert eine logopädische Behandlung in der Regel?

Auch dies ist abhängig von der Art der Sprachstörung und variiert zwischen einer Behandlung bis zu 60 Behandlungen und mehr. Nach den so genannten Heilmittelrichtlinien sind für Artikulationsstörungen 30 Therapieeinheiten, für eine Sprachentwicklungsverzögerung bzw. eine -störung 60 Therapieeinheiten im Regelfall vorgesehen.

8. Einige Eltern sind heutzutage unsicher, ob der Spracherwerb ihres Kindes „normal“ verläuft. Was raten Sie Eltern, die hier Zweifel hegen?

Es gibt grobe Richtwerte, was ein Kind in seiner sprachlichen Entwicklung beherrschen müsste. Weicht es in irgendeiner Form davon ab, würde ich in jedem Fall fachlichen Rat aufsuchen. Diesen Rat bekommt man u.a. von niedergelassenen Logopäden, Sprachtherapeuten und Sprachheilpädagogen, Fachkliniken für Hals- Nasen – Ohrenheilkunde, Kinderheilkunde bzw. Kinder -und Jugendpsychiatrie, Sprachheilambulanzen oder Sprachberatungsstellen. Oft sind Kinderärzte und Hausärzte die erste Anlaufstelle für Eltern, die sich um das Sprechen ihres Kindes Sorgen machen. Hier können Sie meist entsprechende Adressen von Fachleuten oder Beratungseinrichtungen erhalten.

9. Haben Sie abschließend Tipps, wie Eltern ihre Kinder zu Hause sprachlich fördern können?

Eigentlich braucht es für ein ganz normales sprachförderndes Verhalten nicht viel und die meisten Eltern werden erstaunt sein, wie sprachfördernd sie eigentlich automatisch schon tätig sind, wenn sie ganz normale kommunikative Regeln wie Zuhören und entsprechend auf das Kind Eingehen beherzigen. Sprechen soll in erster Linie sowohl Eltern als auch Kindern Spaß machen und nicht auf Druck erfolgen wie z.B. Sag mal der Oma, was das ist ..., sprich mal nach usw...Beim Bilderbuch betrachten kann man einzelne Wörter mit kleinen Geschichten umkreisen und anstatt eher einfordernde Fragen wie: Was ist das? – oder: Wie heißt das? - weniger fordernde Fragen wie: Was passiert denn hier? stellen. Bei alltäglichen Gelegenheiten wie Kuchen backen oder Kochen kann man Kinder wunderbar mit einbeziehen und durch Riechen, Schmecken, Fühlen und Benennen der einzelnen Zutaten den Wortschatz des Kindes erweitern. Aber auch hierbei sollte man immer aufpassen, dass dies kein Abfragen wird, d.h. das Sprechen geübt wird. Dann gibt es natürlich zahlreiche, dem Alter entsprechende Spiele wie Dominos oder Memories und Spiele zur Hörwahrnehmung. Lieder, Finger- und rhythmische Spiele machen Spaß und unterstützen ebenfalls die Sprachentwicklung des Kindes.

Vielen Dank Frau Seiffarth für die ausführlichen Informationen.

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